Brauchen wir in Europa einen Paradigmenwechsel hin zu neuen Wirtschaftsmodellen?
Am 13. Januar 2010 organisierten die Bertelsmann Stiftung und der World Future Council gemeinsam die erste von drei Podiumsdiskussionen unter dem Titel "Rethinking Well-being. How to keep Europe on the Sustainability Track". Die Diskussionsreihe steht unter der Schirmherrschaft der Europaparlamentarier Rebecca Harms, Jo Leinen und Sirpa Pietikainen.
Unter der Leitung von Dirk Hendricks vom WFC Brussels Verbindungsbüro ging es in der Eröffnungsdebatte um die Frage, wie das traditionelle Wachstumsparadigma in Richtung auf ein europäischen Wirtschaftsmodel weiterentwickelt werden könnte, das auf einem umfassenderen Verständnis von "human well-being" beruht.
Thomas Fischer, Bertelsmann Stiftung, eröffnete die Debatte unter Nennung dreier Schlüsselfragen für die Veranstaltungsreihe: Inwieweit hat das traditionelle, wachstumsorientierte Wirtschaftsmodell durch die Verwerfungen der Wirtschafts- und Finanzkrise an Erklärungskraft eingebüßt? Brauchen wir in Europa einen Paradigmenwechsel hin zu neuen Wirtschaftsmodellen? Und sollte angesichts der genannten Entwicklungen der auf Liberalisierung der Märkte abzielende "Washington Consensus" überdacht werden?
Maja Göpel vom WFC betonte in ihrem Beitrag, dass die Wirtschaft kein Selbstzweck, sondern vielmehr ein Mittel zum Zweck sei. Indem traditionelle Wachstumsmodelle Produktivitätswachstum in den Mittelpunkt der Analyse stellten, übersähen sie andere wichtige Einflussfaktoren für das Wohlbefinden des Menschen. Sie schlug daher die Schaffung eines Models der "Living Economy" vor, das sowohl Qualität und Verteilung von Gütern, als auch durch Produktionsprozesse verursachte Umweltschäden berücksichtigen müsse. Zudem sollten darin auch natürliche Grenzen des Wachstums aufgezeigt werden.
Olivier Giscard d'Estaing von INSEAD Fontainebleau betonte, dass wir Wachstum brauchen, aber das es dem richtigen Ziel dienen müsse, namentlich die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Da Menschen und Unternehmen eigenständig über ihre Kosum- und Investitionsausgaben entscheiden, sollte der Staat vor allem die richtigen Anreize für wirtschaftlich nachhaltige Aktivitäten liefern. Mit Blick auf die europäischen Industrien hob er die Harmonisierung der Arbeitsbedingungen auf globaler Ebene hervor, ohne die es keinen fairen Wettbewerb zwischen europäischen und außereuropäischen Industrien geben könne.
Schließlich zeigte der für den Brüsseler Think Tank arbeitende Ökonom Jakob von Weizsäcker einige Gefahren auf, die mit einer Abkehr vom Wachstumsparadigma verbunden seien. Anstatt das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu begraben, sollten politische Entscheidungsträger die Folgen der Krise im traditionellen makroökonomischen Rahmen behandeln. Zwar müssten Investitionen in die Zukunft weiterhin auf der Agenda bleiben. Allerdings sei die Vorstellung, dass in der nahen Zukunft viel Geld in Umweltschutz investiert würde, unrealistisch vor dem Hintergrund steigender Staatsverschuldung überall auf der Welt. Zudem warnte er vor hohen Investitionen in solche Technologien, die sich in der Folge schnell als bereits durch neure Entwicklungen überholt erweisen könnten, sowie vor der Einführung neuer Regulierungen, die teils unkalkulierbare Kosten nach sich zögen.
In der anschließenden Debatte kam die Frage nach dem richtigen Gleichgewicht zwischen Marktmechanismen und staatlicher Intervention auf. Zudem wurde über mögliche Alternativen oder Ergänzungen zum Bruttoinlandprodukt als Indikator für wirtschaftliche Entwicklung diskutiert. Die meisten Teilnehmer stimmten der Aussage zu, dass der Staat die Grundbedürfnisse der Bevölkerung garantieren müsse. Während einige Teilnehmer hinsichtlich der Erklärungskraft der angedeuteten Alternativen zum wachstumsbasierten Wirtschaftmodell skeptisch blieben, forderte Anthony Simon vom World Future Council die Podiumsteilnehmer auf, die Suche nach neuen Modellen zu verstärken.
In ihren Abschlussstatements konzentrierten sich alle Sprecher darauf, Möglichkeiten zum Umgang mit der Wirtschaftskrise aufzuzeigen. Olivier Giscard d'Estaing zeigte sich optimistisch mit Blick auf die Lösungsansätze, die sich aus der Entwicklung neuer, umweltfreundlicherer Technologien ergeben. Maja Göpel forderte die Anwesenden auf, die politischen Entscheidungsträger in der EU über alternative Wirtschaftsmodelle auf dem Laufenden zu halten. Jakob von Weizsäcker wiederholte seine Aufforderung, das Bruttoinlandsprodukt als Hauptindikator für wirtschaftliche Entwicklung zu behalten und das klassische Modell lediglich mit anderen Variablen zu verfeinern. Schließlich forderte Thomas Fischer die Entwicklung eines neuen europäischen Wirtschafts- und Sozialmodells. Ferner müssten neue Verfahren gefunden werden, um die Kosten von BIP-basiertem Wachstum zu messen.
Die Diskussionsreihe wird am 3. Februar 2010 mit einer Veranstaltung zu aktuellen Ansätzen zur Messung von "human well-being" fortgeführt, gefolgt von einem Panel am 23. Februar 2010.














