Auf dem Weg in eine Willkommenskultur
Die Kampagne „Alle Kids sind VIPs“ feiert morgen in einer Siegerehrung die Ideen junger Menschen zur Willkommenskultur in Deutschland. Ulrich Kober, Experte der Stiftung für Bildung und Integration, erklärt, was die Integrationskraft der Kampagne ausmacht und warum Deutschland eine „Willkommenskultur“ braucht.
Was verstehen Sie unter Willkommenskultur?
“Willkommenskultur“ meint die Offenheit einer Gesellschaft für Zuwanderer und deren Angehörige. Eine Willkommenskultur verändert die Annahmen einer Gesellschaft, wer dazugehört und wer nicht. Und sie eröffnet allen Chancen, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.
Wo und wie findet Willkommenskultur schon statt?
Es gibt mittlerweile vermehrte Anstrengungen um eine Willkommenskultur in Deutschland. So bemüht sich die Politik um den Zuzug von dringend benötigten Fachkräften und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Symbolisch wurde beispielsweise die „Ausländerbehörde“ in Hamburg in „Welcoming Center“ umbenannt. Viele Unternehmen und Verwaltungen haben die „Charta der Vielfalt“ unterschrieben. Im Großen und Ganzen aber ist Deutschland immer noch ein „Einwanderungsland wider Willen“.
Kanada dagegen ist ein Paradebeispiel für Willkommenskultur. Das Land ist für seinen wirtschaftlichen Wohlstand auf Zuwanderer angewiesen. Das wissen die Kanadier, und deshalb gibt es in der kanadischen Gesellschaft einen breiten Konsens, dass Zuwanderer gut sind für das Land. Das macht sich auch an ganz kleinen Dingen bemerkbar. So ist das Motto der größten Stadt Toronto „Diversity our Strength!“, und dieses Motto klebt sogar an den Mülltonnen im ganzen Stadtgebiet. Frei übersetzt, bedeutet das: „Vielfalt unsere Stärke". Das wird in Kanada gelebt, und solche Aktionen sind Signale an die Zuwanderer und die Einheimischen gleichermaßen. Ein anderes Beispiel aus Kanada findet sich, sobald man die Schulen besucht. Im Eingangsbereich stehen in großen Buchstaben Willkommensgrüße in unterschiedlichen Sprachen. Das sind Angebote für eine echte Inklusion, egal welche Wurzeln jemand hat. In Deutschland ist die Wahrnehmung von Vielfalt in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch eher eine negative. Das ändert sich aber langsam, je mehr sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Deutschland wegen des demographischen Wandels auf Zuwanderung angewiesen ist und viele Zuwanderer und ihre Kinder unsere Gesellschaft positiv prägen. Auch die steigende Inklusion in den Schulen wird einen neuen Umgang mit Vielfalt schon bei Kindern und Jugendlichen verankern.
Wie kann Willkommenskultur vermittelt werden?
Willkommenskultur und Inklusion sind nichts anderes als die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen – unabhängig von seiner Herkunft und seinen Überzeugungen. Das gilt für den Kindergarten, die Schule, den Arbeitsplatz, unser ganzes Leben. Eine Kultur, die jeden Einzelnen mit Respekt behandelt, fördert das. Dann entwickelt sich ein inklusives Bewusstsein. Und Ausgrenzung und Diskriminierung haben keine Chance in unserer Gesellschaft.
Ist Willkommenskultur nur ein von Wissenschaftlern aufgesetzter Begriff, der abstrakt bleibt und in der Realität nicht mit Inhalten gefüllt werden kann?
Nein, Willkommenskultur meint ganz konkret den positiven Umgang miteinander von Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Wo eine Willkommenskultur lebendig ist, da können sich Menschen zugehörig fühlen, und sie haben teil am Leben einer Gemeinschaft und Gesellschaft.
Was kann ein Projekt wie Alle Kids sind VIPs dazu beitragen, dass sich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland wohlerfühlen?
Die Grundbotschaft von Alle Kids sind VIPs ist: Jedes Kind gehört dazu, ist wichtig und hat Potenzial. Das zeigen die Kinder und Jugendlichen auch ganz deutlich mit ihren Projekten. Sie wollen alle mitnehmen und keinen ausgrenzen. Die Botschafter von Alle Kids sind VIPs sind Vorbilder. Sie zeigen den Kids, trotz oder gerade wegen meines Migrationshintergrundes habe ich es in der Gesellschaft geschafft. Auch Du bist besonders und kannst es schaffen, Deinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Jugendlichen erkennen das und fühlen sich ernst genommen.
Warum sieht die Bertelsmann Stiftung Bildung als integralen Bestandteil für die gelungene Aufnahme von Menschen mit Migrationshintergrund?
Alle Studien zeigen, dass Benachteiligungen mit mangelnder Bildung zusammenhängen. In einer hoch technologisierten Wissensgesellschaft wie in Deutschland kann nur Bildung zum Erfolg des Einzelnen führen. Deshalb müssen Kindergärten und Schulen die Kinder und Jugendlichen individuell fördern und Barrieren für faire Bildungschancen überwinden. Nur so können alle ihr Potenzial entfalten und sich engagiert in die Gesellschaft einbringen.













