Italien ist noch immer die ''Heimat Gottes''
Internationale Vergleichstudie bestätigt den Italienern hohes Maß an katholischer Religiosität - Aber nur eine Minderheit entspricht noch dem Idealtyp des traditionellen Katholiken
Italien ist im Vergleich zu vielen anderen westlichen Industriestaaten weiterhin ein stark religiös und katholisch geprägtes Land. 89 Prozent der Italiener sind religiös, 44 Prozent sogar hochreligiös. Gleichzeitig lassen sich die Italiener in ihrem Alltagsleben nur noch bedingt von traditionell katholischen Positionen leiten. Dies ist das Fazit einer internationalen Vergleichsstudie der deutschen Bertelsmann Stiftung, für die allein in Italien über 1.000 Menschen repräsentativ befragt wurden. Danach sind das Ausmaß und die Intensität des Glaubens in Italien weit überdurchschnittlich ausgeprägt. In anderen europäischen und westlichen Industriestaaten liegen diese Werte zum Teil deutlich niedriger. So beträgt etwa der Anteil der Religiösen in Frankreich und Großbritannien lediglich 60 bis 70 Prozent, in Deutschland 70 Prozent und in Österreich 72 Prozent. Lediglich Polen, Spanien oder die USA verzeichnen ähnlich hohe Werte. Allerdings erreicht auch in Spanien der Anteil der Hochreligiösen nur 27 Prozent und in Polen 40 Prozent. Mit neun Prozent ist der Anteil der Konfessionslosen in Italien sehr klein. Und selbst innerhalb dieser Minderheit stuft der "Religionsmonitor 2008" der Bertelsmann Stiftung noch jeden Zweiten als religiös ein.
Dass dieses Bekenntnis nicht nur rein formaler Natur ist, zeigt das hohe Maß an Glaubensüberzeugungen der Befragten in dieser repräsentativen Untersuchung. Danach glauben 85 Prozent der Italiener an die Existenz Gottes und 67 Prozent sind fest von einem Leben nach dem Tod überzeugt.
Die Mehrzahl der italienischen Christen lebt nach den Ergebnissen der deutschen Forscher ihren Glauben auch in öffentlicher und privater Praxis. 55 Prozent besuchen mindestens einmal pro Monat den Gottesdienst und 47 Prozent beten mindestens einmal am Tag. Und in keinem anderen europäischen Land wird so häufig meditiert wie Italien.
Bei einem Vergleich der Generationen zeigt sich ein hohes Maß an Kontinuität. Zwar ist in der Generation der über 60-Jährigen der Anteil der Hochreligiösen am höchsten, aber unter den jungen Erwachsenen bis 30 Jahre ist die Anzahl der Religiösen und Hochreligiösen sogar größer als bei den Älteren. Unterschiede im Bezug auf die Religion weisen dagegen die Geschlechter auf. So sind Frauen signifikant religiöser als Männer. Unter den Frauen verzeichnet der Religionsmonitor 55 Prozent Hochreligiöse im Vergleich zu 31 Prozent der Männer.
Signifikant ist auch das positive Gottesbild der Italiener. Die Mehrheit verbindet Gott mit Gefühlen wie Hoffnung, Liebe, Dankbarkeit oder Freude. Negative Gefühle wie Zorn, Verzweiflung oder Angst beschreibt nur jeder Vierte. Das am stärksten ausgeprägte Gefühl gegenüber Gott ist aber die Ehrfurcht.
Als eine zentrale Schlussfolgerung der Erhebung folgert Dr. Martin Rieger, Leiter des Programms Geistige Orientierung der Bertelsmann Stiftung: "In Italien lässt sich eine ausgeprägte und lebendige Religiosität feststellen, die als strukturell tief verwurzelt zu gelten hat. Religiöse Praxis ist in allen Altersgruppen deutlich ausgeprägt. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass die italienische Gesellschaft auch künftig mit großer Selbstverständlichkeit religiös sein wird. Man kann wohl von einer 'religiösen Natürlichkeit' sprechen."
Gleichzeitig zeigt der Religionsmonitor der Stiftung aber auch, dass die Italiener aus ihrer ausgeprägten Religiosität nur noch für einen Teil des alltäglichen Lebens praktische Konsequenzen ziehen. Danach gefragt, auf welche Lebensbereiche sich ihr Glaube am meisten auswirkt, benennen Dreiviertel zunächst sehr persönliche Fragen wie den Sinn des Lebens, den Umgang mit Krankheit oder wichtige Lebensereignisse in der Familie wie Geburt, Heirat oder Tod. Nur jeder Zweite sagt, dies habe Konsequenzen auf die Erziehung der Kinder oder seine Partnerschaft. Und nur eine Minderheit von 42 Prozent bekennt, dass ihr Glaube die Einstellung zur Sexualität beeinflusst. Am wenigsten aber lassen sich die Italiener in ihren politischen Ansichten von ihrem Glauben bewegen. Hier sagen lediglich noch 26 Prozent, ihre Vorstellung von Gott und Religion habe Konsequenzen für die Haltung zu politischen Fragen.
Enzo Pace, Professor für Soziologie und Religionssoziologie an der Universität Padua, warnt daher auch vor einseitigen Ableitungen: "Die Italiener fühlen sich zwar weiterhin als Katholiken, aber nur eine Minderheit kann als der Idealtypus des Katholiken definiert werden, der den Lehren der Kirche treu ist, dem Gebot des Besuchs der Sonntagsmesse folgt, sich in seiner Pfarrgemeinde und ehrenamtlichen Verbänden engagiert und sich dem Gebet und der Meditation hingibt. Der Katholizismus ist im engeren Wortsinn die Religion einer Minderheit, die ein Drittel der Italiener ausmacht. Um diesen Nukleus herum, der im Lauf der Zeit den harten Kern des militanten Katholizismus darstellt, ordnen sich in immer größer werdenden konzentrischen Kreisen andere Figuren der religiösen Moderne an, die einige Züge des katholischen Vermächtnisses beibehalten, aber dem Idealtypus des autonomen Gläubigen näher zu stehen scheinen."
Über den Religionsmonitor: Der Religionsmonitor ist ein neues, interdisziplinäres und interreligiöses Projekt der Bertelsmann Stiftung. Anhand von über 100 Befragungspunkten wurden über 21.000 Personen in 21 Ländern repräsentativ befragt. Untersucht wurden insgesamt sechs Kerndimensionen von Religion und Glauben wie religiöse Überzeugungen, Alltagserfahrungen, öffentliche und private Praxis oder die allgemeine Alltagsrelevanz von Religion. Darüber hinaus werden die Ergebnisse in einem Zentralitätsindex verdichtet mit einer Zuordnung nach Hochreligiösen, Religiösen und Nichtreligiösen. Aus dem gewonnenen Datenmaterial können umfangreiche Befunde über die Bedeutung von Religiosität für die Individuen und ihre Lebensbereiche gewonnen und Aussagen über gesellschaftliche Dynamiken getroffen werden. Zudem enthalten die Ergebnisse wichtige Informationen über die verschiedenen Religionen. Der Religionsmonitor dient dabei unter anderem dem Ziel, durch wissenschaftliche Erkenntnisse den Dialog zwischen den Religionen nachhaltig zu unterstützen.
















