Berufsausbildung 2015: Das System im Visier
Beitrag von Jörg Dräger aus dem "didacta"-Magazin
Ausbildung für alle, fordert die Bertelsmann Stiftung und möchte mit dem Leitbild "Berufsausbildung 2015" Perspektiven für ein gerechtes duales System aufzeigen. Stiftungsvorstand Dr. Jörg Dräger über die ersten Schritte der Initiative, die das Ausbildungssystem bei den Wurzeln packen will.
Im Jahr 1999 machte sich die Bertelsmann Stiftung zur Vergabe des internationalen Carl-Bertelsmann-Preises auf die Suche nach herausragenden Initiativen im Bereich "Berufliche Bildung der Zukunft". Der Preis ging an das Königreich Dänemark: Das skandinavische Land ging zu der Zeit neue Wege, indem es die Kontrollfunktion des Staates in der beruflichen Bildung zugunsten der Sozialpartner deutlich zurücknahm. Zahlreiche Experten wiesen schon damals darauf hin, dass es auch im System der deutschen Berufsausbildung große Schwachstellen gibt - an Reformvorschlägen, Studien oder Positionspapieren mangelte es nicht. Genau zehn Jahre später ist die Diskussion um Zustand und Zukunft der beruflichen Bildung in Deutschland noch immer aktuell: Es ist zwar viel geschehen, dennoch hat sich weder das duale Berufsbildungssystem grundsätzlich verändert noch die Situation auf dem Ausbildungsmarkt nachhaltig verbessert.
Offenkundig ist: Das duale System hat nicht immer eine passende Antwort gefunden auf die sich stetig verändernden Arbeitsmarktanforderungen, den sich öffnenden europäischen Arbeits- und Bildungsraum oder die Auswirkungen des demografischen Wandels. Es braucht - so gut und international anerkannt es auch ist - dringend neue Impulse: Das machen die Diskussionen um ein unkoordiniertes Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung, um fehlende Ausbildungsreife oder um die mangelnde Durchlässigkeit von einer Bildungsstufe zur nächsten deutlich. Nötig ist dabei eine mittelfristige Perspektive: Es geht nicht um das kurzfristige Lindern von Symptomen. Es geht um einen Ansatz, der die Strukturen des Systems ins Visier nimmt, der es fit macht für die Zukunft. In der beruflichen Bildung in Deutschland gibt es zahlreiche Akteure und Interessengruppen: Das macht Veränderungen so schwierig. Um nachhaltige Impulse zu setzen, müssen aber alle an einem Strang ziehen. Deshalb setzte die Bertelsmann Stiftung mit der Initiative "Berufsausbildung 2015" auf einen partizipativen Prozess, der alle an der Berufsbildung beteiligten Akteure einbezieht: Sie stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Ministerien, Verbänden, Unternehmen, Gewerkschaften, berufsbildenden Schulen und Bildungseinrichtungen, aus der Wissenschaft und aus Behörden. Ausgangspunkt der Initiative war eine breit angelegte Umfrage im Herbst des Jahres 2007. Die führenden Vertreter aller beteiligten Institutionen konnten dabei die Themen benennen, die ihrer Ansicht nach auf der Reformagenda ganz oben stehen müssen. Die Ergebnisse der Umfrage bildeten die Grundlage für eine Reihe von Experten-Workshops mit Teilnehmern aus den verschiedenen institutionellen Gruppen. Dort wurden die Inhalte zum gemeinsamen Leitbild "Berufsausbildung 2015" ausgearbeitet. Das neuartige Format mit der breiten Beteiligung der Akteure erwies sich als der richtige Weg: Schnell, zielgerichtet und vor allem umsetzungs- und praxisorientiert stießen die Beteiligten zu den Kernforderungen für ein zukunftsfähiges System der beruflichen Bildung vor.
Drei Forderungen kristallisierten sich für das Leitbild "Berufsausbildung 2015" heraus:
. mehr Kompetenzorientierung
. Verantwortlichkeiten im System klarer regeln
. Übergänge durchlässiger gestalten
Die Forderung nach mehr Kompetenzorientierung ergibt sich aus der Rolle, welche die Berufsausbildung in Deutschland spielt. Sie vermittelt berufliche Handlungskompetenzen und dient auf diese Weise nicht nur den individuellen Zielen des Auszubildenden, sondern gleichzeitig auch sozialpolitischen und ökonomischen Zielen. Denn kompetente Fachkräfte steigern die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft insgesamt und ihre Beschäftigung stabilisiert die Sozialkassen. Jugendliche müssen dafür nicht nur die notwendigen Sach-, sondern ebenso Sozial- und Selbstkompetenzen erwerben; ihre Ausbildung muss sich daher an klaren Kompetenzprofilen orientieren. So wird das berufliche Ausbildungssystem auch durchlässiger, denn transparente Kompetenzprofile erhöhen die Vergleichbarkeit. Wichtig ist dabei, auch solche Kompetenzen anzuerkennen, die außerhalb des deutschen Berufsbildungssystems erworben wurden. Die Forderung, Reformen im Berufsbildungswesen strategisch anzugehen, ergibt sich aus der Vielzahl der relevanten Akteure und der damit verbundenen Gefahr der Zerstückelung der Aktivitäten. Erfolg versprechend sind gemeinsam getragene Aktivitäten - und sie müssen sich auf die Entwicklung des Gesamtsystems der Berufsausbildung ausrichten. Die Verbesserung der Ausbildungsmöglichkeiten muss dabei wichtiger sein als die Frage der Zuständigkeiten von Bund, Ländern, Kammern und anderen Beteiligten.
Für besonders dringlich hält die Bertelsmann Stiftung die transparentere und effizientere Gestaltung der Übergänge von der Schule in die Ausbildung, denn hier ist die Situation in Deutschland alarmierend. Betrachten wir beispielsweise die Zahl der Altbewerber auf dem Lehrstellenmarkt: Während ihr Anteil 1997 noch bei rund 38 Prozent lag, zählte im Jahre 2008 nahezu jeder zweite Ausbildungsplatz-Bewerber zu dieser benachteiligten Gruppe. Die Lage wird sich noch verschärfen, wenn die Zahl der verfügbaren Ausbildungsplätze in Zukunft wieder sinkt. Dabei gibt es heute bereits jährlich etwa eine halbe Million Jugendliche, die nach Verlassen der Schule im Wettbewerb um einen der begehrten Ausbildungsplätze das Nachsehen haben - und in Übergangsmaßnahmen landen. Mehr als 40 Prozent aller Jugendlichen, die im Jahr 2008 eine Ausbildung begannen, starteten mit teilqualifizierenden Bildungsgängen im sogenannten Übergangssystem. Diese Übergangsmaßnahmen führen nicht zu voll qualifizierenden Berufsabschlüssen. Oftmals sind sie gar nur eine Warteschleife - ohne jeglichen Zugewinn beim Qualifikationsniveau. Jugendliche aus Zuwandererfamilien sind von dieser Entwicklung besonders betroffen. Ziel der "Berufsausbildung 2015" muss daher sein, diese ressourcenraubenden Umwege beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung wieder fair und effizient zu gestalten. Die Übergänge durchlässiger machen - das ist der Schlüssel für eine zukunftsfähige Reform des Ausbildungssystems. Daher engagiert sich die Bertelsmann Stiftung an dieser Stelle mit der Initiative "Übergänge mit System", für die das Leitbild "Berufsbildung 2015" den Rahmen geschaffen hat. Das Ziel klingt so einfach wie ambitioniert: Ausbildung für alle. Jeder ausbildungswillige Jugendliche muss eine Berufsausbildung erwerben können.
Wir setzen uns dafür ein, dass es an der Schwelle zwischen Schule und Berufsausbildung künftig systematisch und ohne Zeitverlust zwei Wege zu diesem Ziel gibt:
- Ausbildungsreife Jugendliche ohne Ausbildungsplatz dürfen keine Zeit mehr in Übergangsmaßnahmen verlieren, in denen sie keinen qualifizierenden Abschluss erhalten können. Sie sollen gleich nach dem Ende ihrer Schulzeit ausgebildet werden. Wenn das wegen fehlender Plätze nicht im Rahmen der dualen Ausbildung geht, muss es außerbetriebliche oder vollzeitschulische Alternativen geben.
- Noch nicht ausbildungsreife Jugendliche müssen so schnell wie möglich Ausbildungsreife erlangen. Dazu müssen sie Maßnahmen besuchen, die passgenau auf ihren jeweiligen Bedarf zugeschnitten sind - und sie müssen individuell begleitet und gefördert werden. Ansporn sollte die verbindliche Zusage für jeden Jugendlichen sein, nach Erlangung der Ausbildungsreife auch eine zu einem Berufsabschluss führende Ausbildung beginnen zu können.
Diese zukunftsweisenden Ansätze will die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit den Akteuren in Bund und Ländern diskutieren und mit ihnen übertragbare Konzepte entwickeln und umsetzen. Um den Prozess auf eine breite Basis zu stellen, wurden dazu in einem ersten Schritt Kooperationen mit den fünf Bundesländern Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen geschlossen. Angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels können wir es uns schon allein aus ökonomischen Gründen nicht leisten, Jugendliche ohne Ausbildung auf der Strecke zu lassen - von den individuellen und persönlichen Konsequenzen ganz zu schweigen. Deshalb müssen wir alles daran setzen, den gegenwärtigen Dschungel an Übergangsmaßnahmen in ein effizientes und transparentes System umzuwandeln, das den Namen "System" auch verdient.
Dieser Beitag ist zuerst in "didacta - Das Magazin für lebenslanges Lernen", Ausgabe 1/2010, S. 52-55, erschienen.















