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Gütersloh, 15.10.2009

Identische Konzepte - Unterschiedliche Interpretationen

Veranstaltung zum EU-China Dialog bei den Asien-Pazifik Wochen 2009

Die Teilnehmer des internationalen Symposiums der Bertelsmann Stiftung im Rahmen der Asien-Pazifik Wochen 2009.
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In den Chinesisch-Europäischen Beziehungen spielen verschiedene politische Konzepte - Stabilität, Souveränität und Demokratie - eine zentrale Rolle, die von Akteuren aus China und Europa aber sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Bei den diesjährigen Asien-Pazifik Wochen reflektierten erstmals chinesische und europäische Experten gemeinsam, inwieweit Interpretation und Anwendung dieser politischen Konzepte übereinstimmen oder divergieren. Es sei wichtig, zu einem gemeinsamen Verständnis dieser Unterschiede zu gelangen. Nur so könne in den chinesisch-europäischen Beziehungen vermieden werden, dass sich die Partner immer wieder missverstehen, so die Einschätzung der Experten auf einem internationalen Symposium der Bertelsmann Stiftung, das im Rahmen der Asien-Pazifik Wochen stattfand.

Auf Einladung der Bertelsmann Stiftung, des Brussels Institute of Contemporary China Studies (BICCS) und der Fudan Universität, Shanghai, kamen am 12. Oktober 2009 27 internationale Experten zu den Chinesisch-Europäischen Beziehungen zusammen, um erstmals gemeinsam über das Verständnis verschiedener politischer Konzepte zu reflektieren, die eine wichtige Rolle in den wechselseitigen Beziehungen spielen. Vor dem Hintergrund belasteter politischer Beziehungen zwischen Europa und China, die sich nach Auffassung des früheren chinesischen Botschafters in Deutschland, Prof. Mei Zhaorong, im Gegensatz zu den chinesisch-russischen oder chinesisch-amerikanischen Beziehungen nicht wirklich verbessert haben, diente das Symposium dazu, ein gemeinsames Verständnis der jeweiligen Interpretationen zentraler politischer Konzepte zu erarbeiten.

Die chinesisch-europäischen Beziehungen leiden, so die Arbeitshypothese, weil die Wahrnehmungen Chinas in Europa und Europas in China von den Akteuren auf beiden Seiten als realitätsfern empfunden werden. Grund dafür ist oftmals die Beurteilung der anderen Seite anhand von politischen Konzepten, ohne dass deren genaue Bedeutung im jeweiligen kulturellen oder (entwicklungs-)geschichtlichen Kontext hinterfragt wird. "Wenn beide Seiten beispielsweise von Demokratie sprechen, darunter aber etwas völlig anderes verstehen, ist das Missverständnis vorprogrammiert", so Dr. Gudrun Wacker von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Vor diesem Hintergrund stellten Wissenschaftler der Fudan Universität und des Brussels Institute of Contemporary China Studies die Ergebnisse qualitativer Recherchen vor. Prof. Peter Kruse von der Firma "nextpractice" präsentierte darüber hinaus die Ergebnisse einer Umfrage unter chinesischen und europäischen Studenten zu den Konzepten Stabilität, Souveränität, Demokratie und Menschenrechte.

Die Ergebnisse verdeutlichten teils gravierende Unterschiede entweder im Verständnis oder aber in der Anwendung der untersuchten Konzepte. Während von chinesischen Experten beispielsweise das aus dem europäischen Völkerrecht stammende Konzept der "Souveränität" eher als Abwehrrecht autonom verstandener Staaten aufgefasst wird, neigen die europäischen Experten eher dazu, dieses Abwehrrecht an Bedingungen, etwa die Erfüllung von fundamentalen Menschenrechten, zu knüpfen.

Ein anders gelagertes Beispiel bietet das Menschenrechtskonzept: So gab es unter den Experten eine weitgehende Übereinstimmung der inhaltlichen Ausformung von Menschenrechten, aber einen deutlichen Unterschied in der Gewichtung und Durchsetzung insbesondere von politischen Freiheitsrechten einerseits und grundlegenden Persönlichkeitsrechten andererseits. Während Europäer bei Menschenrechten vor allem die Durchsetzung politischer Teilhaberechte betonen, legen Chinesen sehr viel Wert auf die Feststellung, dass angesichts des allgemeinen Entwicklungsniveaus in China die Sicherung der Existenzgrundlagen für alle Chinesen Vorrang haben müsse vor der Verwirklichung politischer Teilhaberechte.

Die quantitative Umfrage und die qualitativen Recherchen stimmten in einem weiteren Punkt auffallend deutlich überein: Das Verständnis der Chinesen (Entscheidungsträger, Wissenschaftler oder Studenten) von der europäischen Interpretation und Anwendung der politischen Konzepte in Europa ist deutlich differenzierter, als das Verständnis der Europäer von der chinesischen Interpretation oder Anwendung der politischen Konzepte in China. Prof. Peter Kruse sprach in diesem Zusammenhang von einer sich in den Interviews abzeichnenden "problematischen einseitigen (chinesischen) Empathie (für Europa)"; Dr. Duncan Freeman, BICCS, Dr. Peter Hauswedell, DGAP, und andere von dem "europäischen Hochmut moralischer Überlegenheit".

Die Beteiligten waren sich einig, dass die Arbeitshypothese durch das Symposium bestätigt wurde. Das Engagement für ein gemeinsames Verständnis der unterschiedlichen Interpretationen und Anwendungen grundlegender politischer Konzepte sei von großer Bedeutung für die chinesisch-europäischen Beziehungen. Gustaaf Geeraerts, BICCS, Gudrun Wacker, SWP, und Pan Zhongqi, Fudan University, versprachen eine eingehende wissenschaftliche Analyse des Datensatzes von "nextpractice" als Grundlage für eine Fortsetzung der gemeinsamen interkulturellen Zusammenarbeit.


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