Umfrage: Nachhaltigkeit, sozialer Zusammenhalt und Wertewandel als Folgen der Wirtschaftskrise
Interview mit Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung
In einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zu den Folge der Wirtschaftskrise gibt jeder vierte Bundesbürger an, dass die Rolle der Familie, der Kinder oder die Beziehung zu den Eltern in den vergangenen Monaten für ihn an Stellenwert gewonnen hat. Für 20 Prozent sind stabile persönliche Beziehungen und Freundschaften wichtiger als vor der Krise und für 15 Prozent die eigene Ehe oder Partnerschaft. Gleichzeitig hat aber auch die Frage der materiellen Sicherheit an Bedeutung gewonnen. Über die Ergebnisse der Umfrage sprachen wir mit Dr. Gunter Thielen, dem Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann Stiftung.
Eine große Anzahl von Menschen sagt in der Umfrage, dass für sie persönliche Beziehungen, Ehe, Familie, Kinder oder andere Werte an Bedeutung gewonnen haben. Erleben wir hier einen gesellschaftlichen Wertewandel und wohin wird das führen?
Dr. Gunter Thielen: Ich weiß nicht, ob wir hier schon von einem Wertewandel sprechen sollten. Die Menschen sagen uns aber, dass für sie in den letzten Monaten als Reaktion auf die Wirtschaftskrise das persönliche Umfeld, die unmittelbaren sozialen Beziehungen und der Wunsch nach Orientierung größer geworden sind. Wir sehen darin vor allem zwei Motive: Wo alle bewährten Zusagen und Netze brüchig geworden sind, suchen die Menschen in dieser Krise vor allem Sicherheit und sozialen Zusammenhalt. Viele finden ihn in ihrer eigenen Partnerschaft, Familie und ihrem sozialem Umfeld.
Zum anderen verstärkt sich möglicherweise hier auch ein Wertewandel, der schon länger zu beobachten ist. Weg von materiellen Bedürfnissen, von oberflächlichem Konsum, lockeren Beziehungen in einer unübersichtlichen Welt des ständigen Wandels hin zu festen Bindungen und Rückzug in ein besser überschaubares häusliches und soziales Umfeld. Das ist zunächst einmal nur allzu menschlich und normal.
Besorgniserregend wäre es dagegen, wenn sich in den Zahlen ein frustrierter Rückzug ins absolut Private, ohne jedes Engagement verbergen würde, eine Haltung beherrscht von Passivität, Pessimismus, Misstrauen und Politikverdrossenheit.
Man darf solche Zahlen zunächst nicht überinterpretieren. Doch sie zeigen vor allem, dass das Vertrauen bei sehr vielen Menschen verloren gegangen ist. Und man muss derartige Entwicklungen im Auge behalten. Denn bemerkenswert ist aus unserer Sicht das Ausmaß dieses möglichen Mentalitätswandels. Es geht hier um jeden vierten Bundesbürger und nicht um die neuen Bedürfnisse irgendeiner kleinen Randgruppe.
Sind denn mit der Krise auch nicht-materielle Werte in unserer Gesellschaft verloren gegangen?
Thielen: Es ist vor allem das verloren gegangen, was die Gesellschaft zusammen hält - das Vertrauen. Vertrauen ist eine unerlässliche Grundlage um miteinander zu kooperieren. Aber der Aufbau und der Erhalt von Vertrauen funktionieren nicht einfach so nebenher. Es erfordert Zeit und Mühe und den persönlichen Kontakt. Dafür scheint in einer Welt der schnellen Erfolge und der hohen Renditen oft kein Platz mehr zu sein. Aber dieses kurzfristige Denken muss sich rächen. Denn wenn die Erfolge von gestern vorbei sind und die Erträge im Minus, dann fehlt die Basis für einen Neuanfang. Das gilt für das Zusammenleben der Menschen, für die Politik wie für die Wirtschaft.
In Ihrer Umfrage sagen immerhin 45 Prozent der Befragten, sie glauben als Reaktion auf die Krise werde der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärker. Aus realistischer Perspektive mag man daran aber kaum glauben.
Thielen: Ich glaube, dass wir die Menschen immer wieder unterschätzen. Erstens in ihrer Einsichtsfähigkeit und zweitens in ihrer Bereitschaft zur Solidarität. Denn ein Mehr an Zusammenhalt ist genau die richtige Antwort auf die Krise und Zusammenhalt ist notwendig. Wir haben dieses Thema in den vergangenen Jahren aber sträflich vernachlässigt. Das erkennt eine große Anzahl der Menschen und weist in ihren Antworten daraufhin.
In der Befragung wünschen sich über 80 Prozent der Menschen mehr Solidarität zwischen Alt und Jung oder zwischen Arm und Reich. Hat Sie die große Anzahl der Menschen, die solche Wünsche hat, nicht überrascht?
Thielen: Überrascht hat mich allenfalls die große Zahl der Menschen, die diese Forderungen erheben und zwar über alle Schichten und Einkommensgruppen hinweg. Aber sie haben Recht. Denn wir sind der festen Überzeugung, dass die Soziale Marktwirtschaft wieder eine Renaissance erleben muss. Sie war über Jahrzehnte eine stabilisierende und ausgleichende Kraft in unserem Land. Und damit auch ein Garant für den sozialen Zusammenhalt. Sie war ein Modell, das seine Funktionsfähigkeit längst bewiesen hat und in veränderter Form wiederbelebt werden muss.
Wie verstehen Sie den Wunsch, dass eine Konsequenz aus der Krise zukünftig eine bessere Integration von Ausländern sein sollte?
Thielen: Das ist für mich ein sehr positives Signal aus dieser Umfrage. Die Menschen in unserem Land haben viel besser als etwa die Politik verstanden, dass Nachhaltigkeit auch eine bessere Integration unserer Migranten verlangt. Die Menschen wollen auch hier solidarisch sein. Sie verlangen keine Lösungen auf Kosten von Randgruppen. Wir sollten diese Bereitschaft zum Miteinander und zum Zusammenhalt aufgreifen und nutzen.
Als einige der wichtigsten Gründe der Wirtschaftskrise werden immer Gier und kurzfristiges Profitstreben genannt. Das Misstrauen gegenüber Unternehmen und Wirtschaft kommt auch in dieser Umfrage deutlich zum Ausdruck.
Thielen: Wenn die Krise eines gezeigt hat, dann das, dass die grenzenlose Beliebigkeit und die reine Lehre des Neoliberalismus an der Gier gescheitert sind. Das verloren gegangene Vertrauen trifft nicht zuletzt die Wirtschaft und die Unternehmen - übrigens die eigenen Arbeitgeber noch am wenigsten. Zu ihnen haben die Menschen noch das größte Vertrauensverhältnis. Aber der Vertrauensverlust gilt für die Wirtschaft und das Management insgesamt. Denn in der Wirtschaft fehlt es angesichts kurzfristiger Rendite-Erwartung inzwischen an vielen Stellen an verlässlichen Strukturen, in denen Vertrauen wachsen kann.
Sind Gier und kurzfristiges Profitstreben nicht einfach nur populäre Alltags-Erklärungen? Liegen die Ursachen nicht doch tiefer?
Thielen: In der Bertelsmann Stiftung sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass viele der aktuellen Umbrüche und Probleme zwar durch die aktuelle Weltfinanzkrise ausgelöst, aber nicht unmittelbar verursacht wurden. Überall in der Gesellschaft ist es in den vergangenen Jahren zu Schieflagen und Fehlentwicklungen gekommen. Aber auch hier waren wie bei der Subprimekrise Egoismus, Gier und fehlende Kontrollen die entscheidenden Faktoren. Es handelt sich daher nicht nur um eine allein wirtschaftliche, sondern auch um eine soziale und politische Krise, die auf verloren gegangene Werte zurückzuführen ist. Oder wenn man es neutraler ausdrücken will, auf falsche gesellschaftliche, strategische Zielvorstellungen. Eine interne Arbeitsgruppe der Bertelsmann Stiftung zu den Ursachen und den Schlussfolgerungen der Krise ist zu dem Ergebnis gekommen, dass eine der entscheidenden Ursachen fehlende Nachhaltigkeit ist, und dass wir hier ansetzen müssen.
In der Umfrage erklärt die Mehrzahl der Befragten, sie glaube nicht, dass die deutschen Unternehmer zukünftig nachhaltiger und verantwortlicher wirtschaften werden. Ist dieser Eindruck aus Ihrer Perspektive richtig?
Thielen: Der Ruf nach Nachhaltigkeit war lange auf ökologische Aspekte und Abläufe beschränkt. Heute haben wir verstanden, wie wichtig es ist, überall die langfristigen Konsequenzen mitzudenken und zu beachten. Nachhaltigkeit brauchen wir in all unseren sozialen und ökonomischen Prozessen. Ich weiß nicht, ob sich diese Erkenntnisse bereits in allen Unternehmen hinreichend durchgesetzt haben und ich denke, dabei handelt es sich um einen Lernprozess, aber ich kann die Menschen verstehen, die pauschal sagen, die Unternehmen haben aus der Krise nichts gelernt.
Ist Nachhaltigkeit eigentlich die entscheidende Strategie als Antwort auf die Krise?
Thielen: Ja, Nachhaltigkeit in all ihren Aspekten ist die umfassende und einzig überzeugende Strategie. Welche Folgen fehlende langfristige Strategien in der Wirtschaft haben, hat die aktuelle Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt. Die wahllose Kreditvergabe in den USA war schließlich einer der Auslöser der globalen Rezession. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet vor allem, dass man auf der Grundlage realistischer Rendite-Erwartungen dauerhafte Beziehungen zu Kunden und Mitarbeitern aufbaut und Produkte entwickelt, die langfristiges Wachstum ermöglichen.
Sind wir in den Unternehmen in Deutschland bei der Frage der Nachhaltigkeit auf dem richtigen Weg?
Thielen: Nach unserer Überzeugung haben wir in Deutschland unter ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten schon eine Menge an Ideen und praktischen Erfahrungen in Sachen Nachhaltigkeit zu bieten. Auch der jetzt abgeschlossene Koalitionsvertrag beschreibt hier eine Reihe richtiger Absichten und Ziele. Aber wir müssen in der Frage der Nachhaltigkeit noch ambitionierter werden, uns nicht auf nachhaltiges Denken im Umweltschutz und in der Wirtschaft beschränken. Wenn es uns gelingt, noch mehr Nachhaltigkeit in unseren sozialen Strukturen zu etablieren, könnten Deutschland und Europa in der Welt mit dieser in sich stimmigen Strategie durchaus Modellcharakter entwickeln. Nachhaltigkeit sollte unser Exportschlager werden.
Reicht Nachhaltigkeit aus, um wirtschaftlich und politisch die Krise zu überwinden?
Thielen: Nachhaltigkeit ist einer von drei Schlüsselfaktoren. Der Zweite ist das fehlende Vertrauen, das wieder aufgebaut werden muss, und das Dritte ist die Steuerungsfähigkeit. Ökonomien und Gesellschaften brauchen feste Rahmenbedingungen, Kontrolle und eine vorausschauende Steuerung mit klaren Zielen. Über diese Ziele müssen in demokratischen Gesellschaften alle Menschen gemeinsam mitentscheiden können. Es muss zumindest ein großer Konsens über diese Ziele geschaffen werden, sonst werden ihnen die Menschen nicht folgen. Dann sind Gesellschaften nicht mehr steuerbar. Vorausschauende Steuerung heißt aber nicht nur, dass die Bürger zwischen klaren Alternativen entscheiden können. Bürger müssen in Entscheidungen zukünftig viel intensiver eingebunden werden. Nur unter Einbeziehung der Menschen und ihrer Teilhabe wird Steuerung im gesellschaftspolitischen Raum erst möglich.
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Interview Dr. Gunter Thielen zum Thema: Auf der Suche nach Sicherheit und Gerechtigkeit - Die Bundesbürger und die Wirtschaftskrise
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change - Sonderheft 2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung
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