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Gütersloh, 16.12.2009

Wie verändert die Krise unsere Welt?

Interview mit Zukunftsforscher Jerome C. Glenn

Grafik: Die 15 Problemfelder der Welt
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Die 15 Problemfelder der Welt - Jerome C. Glenns Herausforderungen für die Zukunft.

Der Zukunftsforscher Jerome C. Glenn lebt davon, Szenarien für unsere Welt von morgen zu entwerfen. Und da ist er zurzeit ein sehr gefragter Mann. Beim "Salzburger Trilog", der Mitte August 2009 stattgefunden hat, stellte der Washingtoner Futurologe seinen diesjährigen Zukunftsbericht in Europa vor. Er führte die Teilnehmer durch eine Zukunft, die im wesentlichen von 15 Herausforderungen geprägt sein wird, die er und seine Kollegen vom "Millenium Project" herauskristallisiert haben. Darunter Klimawandel, Armut, Bevölkerungswachstum, organisiertes Verbrechen, Krieg und Frieden. Das "Millenium Project" ist ein weltweiter Think Tank, der sich der Erkundung der Zukunft widmet. Für den jährlich erscheinenden Report werden hunderte Experten auf der ganzen Welt befragt.

change: Mr. Glenn, seien Sie ehrlich, geht die Welt bald unter?
Jerome C. Glenn: Nun, die Hälfte der Welt befindet sich in einer potenziellen Schieflage, sie ist bedroht von Unruhen und Ausschreitungen. Die Probleme haben sich durch die Rezession noch deutlich verschärft. Heißt das, die Hälfte der Welt ist dem Untergang geweiht? Ich gehe nicht davon aus. Aber es ist unsere Aufgabe als Zukunftsforscher, Szenarien zu betrachten und dann Strategien auszuarbeiten.

Geht es denn tendenziell aufwärts oder abwärts?
In den letzten 20 Jahren wurde die Welt eindeutig besser. Die großen Trends sind positiv. Die Zahl der Konflikte ging im letzten Jahrzehnt zurück, die interkulturelle Verständigung nimmt immer weiter zu. Jetzt haben Rezession und Arbeitslosigkeit uns zurückgeworfen. Es wird dauern, bis wir das überwunden haben.

Steckt eine Chance in der Krise?
Immer. Vielleicht bringt uns dieser Warnschuss dazu, unsere ichbezogene Adoleszenz aufzugeben und zu verantwortungsvollen Erwachsenen zu reifen. Die G-20-Staaten sind dabei, die internationale Finanzaufsicht zu verbessern, die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen hebt das Umweltthema auf den Schirm, das ist doch alles sehr positiv.

Im Bericht haben Sie 15 globale Problemfelder benannt, die unsere Zukunft bestimmen werden. Welche sind die wichtigsten?
Ich will kein bestimmtes Thema hervorheben - denn von genau dieser Art linearen Denkens müssen wir wegkommen, es führt zu nichts. Man muss sich die Welt vielmehr vorstellen wie einen Körper. Da gibt es auch keine Hierarchie zwischen Herz oder Hirn. Es ist alles miteinander verbunden. Und so ist es in unserer globalisierten Welt auch.

Es geht also vor allem darum, diese Zusammenhänge zu begreifen?
Genau. Wer Kriege um die Ressource Wasser vermeiden will, muss überlegen, Landwirtschaft so zu verändern, dass es möglich wird, mit Salzwasser zu bewässern. Nur das bringt uns weiter - nicht die müßige Frage, ob Wasser bedeutender ist als Energie. Die US-Immobilienkrise und die Ausbreitung der Schweinegrippe haben uns doch gerade wieder gezeigt, wie alles miteinander zusammenhängt. Die Welt ist auch viel zu komplex geworden, um nur auf einem einzigen ökonomischen System zu beruhen. Kapitalismus und Kommunismus sind beide vorindustriell - in unserer Wissensgesellschaft aber wird sich die ganze Vorstellung davon, was Arbeit und Beschäftigung ist, verändern, auch durchs Internet. Die Leute werden in Zukunft nach Märkten suchen, nicht nach Jobs. Das ist noch längst nicht hinreichend begriffen worden. Erst im Rückblick werden wir verstehen, wie einschneidend der Systemwandel ist, den wir gerade erleben.

Wir müssen also lernen, in ganz neuen Kategorien zu denken?
Ja, was den Klimawandel angeht, ist es höchste Zeit, dass etwa die USA und China sich ein unerreichbar scheinendes Ziel setzen, wie es damals das Apollo-Programm tat. Es geht hier nicht nur um die Umwelt, sondern um den Weltfrieden: China hat die größten CO2-Emissionen weltweit. Die Entwicklungsländer aber, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, sind vom Klimawandel am stärksten betroffen; sie sind abhängig von Landwirtschaft und Fischfang. Das größte Problem wird Afrika haben. Um Kriegen vorzubeugen, müssen wir über Solarenergie in der Sahara nachdenken. Wenn wir nicht drastisch die Weichen verändern, wird es bis 2025 drei Milliarden Menschen geben, die kein Trinkwasser haben. Die Konflikte und die Auswirkungen auf die Migrationsbewegungen sind nicht auszudenken. China etwa hat nur acht Prozent der weltweiten Frischwasserreserven, aber hier lebt fast ein Viertel der Erdbevölkerung. Zwangsmigration hat hier bereits begonnen, als nächstes werden wir das vermutlich in Indien beobachten können.

Es müssen sich also die besten Wissenschaftler zusammensetzen...
...und nicht nur darüber nachdenken, wie man die Wälder schützt und öffentliche Gebäude auf erneuerbare Energie umstellt, sondern auch darüber, wie man tierisches Eiweiß ohne Tiere herstellen kann. Denn Tiere verbrauchen Trinkwasser - und das haben wir nicht. Ja wirklich, wir müssen lernen, in ganz neuen Kategorien zu denken. Und dabei die Ressourcen der Zukunft mit einbeziehen: Die Firma IBM etwa ist zuversichtlich, bis 2011 einen Computer entwickeln zu können, der so schnell ist, wie das menschliche Gehirn. Wir können bereits jetzt synthetische Chromosomen im Labor herstellen. Nanomedizin kann vielleicht eines Tages beschädigte Zellen reparieren, dann werden kleine Roboter durch unsere Arterien fahren und Krebszellen zerstören.

Klingt verrückt, aber viel versprechend.
Täuschen Sie sich nicht! Ich könnte Sie innerhalb von fünfzehn Minuten dazu bringen, von der Brücke zu springen. Gefahren lauern überall. Und man kann nur bedingt vorbeugen. Im März wäre die Erde fast von einem Asteroiden getroffen worden - hätte er uns erreicht, wäre auf 800 Quadratkilometern alles Leben vernichtet worden.

Machen Sie uns ruhig noch ein wenig Angst.
Womit fange ich an, mit dem transnationalen organisierten Verbrechen? Oder gleich mit der nächsten Frage: Wird es einen nuklearen Rüstungswettlauf zwischen Iran und Nordkorea geben? Es bleibt abzuwarten. Aber genauso bedrohlich ist der mögliche Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch Einzeltäter. Denken Sie an Biobomben, an die Zerstörung des Internets durch Superviren. Jemand könnte ganz gezielt das Ebola-Virus in die internationalen Flughäfen bringen. Wie will man hier vorbeugen? Und obwohl die Regierungen anfangen, sich ernsthafter mit dem Klimawandel zu beschäftigen, verschlechtert sich die Lage ständig. Die Ozeane erwärmen sich doppelt so schnell, als man noch vor zwei Jahren glaubte. In drei Jahrzehnten könnten die größten Gletscher im Himalaya, den Anden und Europa verschwunden sein.

Grund zu verzagen sehen Sie aber trotzdem nicht?
Überhaupt nicht. Es ist noch gar nicht so lange her, da dachten wir, ein Atomkrieg zwischen der Sowjetunion und den USA wäre unvermeidlich. Aber selbst das haben wir bewältigt. Als ich 1973 anfing, über Klimawandel zu schreiben, interessierte das keinen Menschen. Heute bestimmt das Thema alle Debatten. Nein, ich halte es nicht für klug, Pessimist zu sein. Der Pessimist muss nichts beweisen. Er muss nur sagen, es geht alles den Bach hinunter. In Wahrheit ist es die Haltung von Feiglingen. Der Optimist muss für seine Zuversicht Beweise liefern.

Haben Sie eigentlich die Finanzkrise vorausgesagt?
Nicht schriftlich. Aber in den letzten beiden Jahren habe ich mein ganzes Vermögen in Gold investiert. Trotzdem, ich gebe zu, dass die Krise weitreichender war und von größerer Schnelligkeit, als ich es erwartet hatte.

Was hat Sie an Ihrem diesjährigen Zukunftsbericht überrascht?
Nichts. Das gehört vielleicht auch zu meinem Beruf. Mich hat auch der 11. September damals nicht überrascht. Ich habe das allerdings auch von frühester Kindheit an trainiert. An Weihnachten bin ich immer vor der Bescherung ins Wohnzimmer geschlichen und habe meine Geschenke geöffnet.

War das Ihre erste Vorbereitung auf Ihren späteren Beruf?
Vielleicht. Das weitere Training kam in der Schule. Ich habe als Kind immer zu viel geredet. Also war ich ständig in Schwierigkeiten und musste mich in die Ecke stellen. Da habe ich immer alles beobachtet.

Warum ist es wichtig, was Sie tun?
Je schneller die Welt sich ändert, umso weiter müssen wir vorausschauen. Je länger die Vorwarnzeit, desto mehr Zeit bleibt für Analyse und möglichst intelligente Entscheidungen. Auf alten Segelschiffen saß auch immer jemand oben auf dem Mast und hielt nach Hindernissen Ausschau. Nur so kann der Kapitän agieren. Und besonders in unserer globalisierten Welt brauchen wir weltweite Erkenntnisse, damit Individuen und Gruppen Entscheidungen treffen können.

Wird Ihren Voraussagen heute mehr Beachtung geschenkt als früher?
Als ich in den Siebzigerjahren sagte, ich sei Zukunftsforscher, haben die Leute gesagt, ich sollte besser Medikamente nehmen. Heute fragen sie, wie sich die Finanzkrise entwickeln wird. Die Schnelligkeit des Wandels macht die Menschen nervös. Also fragen sie sich: Wer kennt sich mit Wandel aus? Zukunftsforscher!

Was glauben Sie, wann wird es für uns völlig normal sein, beim Einkaufsbummel in der Fußgängerzone unser Gehirn auffrischen zu lassen?
Konservativ geschätzt? Spätestens 2030. Aber ich bin mir sicher, dass es in irgendwelchen Laboren längst passiert.

In Ihrer Biografie steht, Sie seien "Bumerang Stuntman". Wie bitte wird man denn das?
Sie werden es nicht glauben, aber ich war Nummer vier auf der Weltrangliste. Wir hatten einen internationalen Wettbewerb in Washington D.C. Man legt sich da zum Beispiel einen Apfel auf den Kopf, wie Wilhelm Tell - und dann muss man den Apfel aus größter Entfernung treffen. Man muss genau den Radius des Bumerangs voraussehen können.


Interview: Steffi Kammerer. Der Beitrag ist zuerst im "change"-Sonderheft 2009 erschienen, dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.


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Porträt von Malte C. Boecker Malte C. Boecker
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Publikation
Cover des Magazins

change - Sonderheft 2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

Schon seit Monaten beschäftigt sich die Bertelsmann Stiftung intensiv mit den Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise auf den Zustand der Gesellschaft. Mit unserem Sonderheft wollen wir einen Beitrag leisten, um eine grundlegende Debatte über die Zukunft unseres Landes zu beginnen.

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