"Wir denken schon an die Zeit nach der Krise"
Die Bertelsmann Stiftung arbeitet an einem Modell, wie Deutschland nach der Krise aussehen wird / Interview: Karin Schlautmann
Karin Schlautmann: Herr Dr. Thielen, die Wirtschaftskrise hält die Welt seit Monaten in Atem. Auch in Deutschland erreichen die Folgen immer mehr Menschen. Wie geht es weiter?
Dr. Gunter Thielen: Diese Frage kann ihnen momentan niemand seriös beantworten. Was wir zur Zeit beobachten, ist, dass weder Wissenschaftler noch Finanzexperten belastbare Aussagen treffen können. Gleichzeitig lesen wir jeden Tag, dass auch in Deutschland immer mehr Unternehmen gravierende Probleme haben. Berichte über Auftragsmangel, Kurzarbeit, Entlassungen und Insolvenzen bestimmen die Wirtschaftspresse. Ich fürchte, dass wir uns in Deutschland, aber auch weltweit noch eine Zeit lang auf schlechte Nachrichten einstellen müssen.
Können Sie diese "schlechten Nachrichten" für Deutschland konkretisieren? Was erwarten Sie für eine weitere Entwicklung?
Die deutsche Wirtschaft ist sehr stark exportorientiert - da trifft uns eine weltweite Rezession besonders stark. Die Bundesregierung geht sehr offensiv mit dem Instrument der Kurzarbeit um, damit die Zahl der Arbeitslosen nicht schlagartig steigt. Das ist ein wichtiger und richtiger Schritt.
Am gravierendsten ist aber, dass mit der Krise und jeder neuen schlechten Nachricht noch mehr an Vertrauen verloren geht. Die Gefahr ist groß, dass die Zweifel an der Kompetenz und Handlungsfähigkeit der Akteure in Wirtschaft und Politik wachsen. Am Ende kann dadurch auch unser wirtschaftliches und politisches System in Frage gestellt werden. Das sind Auswirkungen, die noch lange über die Krise hinaus nachwirken.
Wie wirkt sich die Krise eigentlich auf die inhaltliche Arbeit der Bertelsmann Stiftung aus?
In unseren Programmen geht es weiter wie geplant. Wir legen alle unsere Vorhaben sehr langfristig und sehr grundsätzlich an. Wir wollen zum Beispiel unser Gesundheitssystem transparenter machen, damit die Patienten bewusste Entscheidungen bei der Behandlung oder bei ihrer Arzt- und Krankenhauswahl treffen können. Eine solche Zielsetzung braucht man auch bei einer Krise nicht zu verändern. Das gilt auch für unseren Ansatz im Bildungsbereich, wo wir einen besonderen Schwerpunkt auf die frühkindliche Förderung legen. Auch diese Ausrichtung hat weiter Bestand. Wir haben noch nie "Schön-Wetter-Programme" gemacht und brauchen deshalb jetzt auch nicht hektisch umzusteuern.
Trotzdem wollen wir uns mit der Krise und ihren Auswirkungen auch direkt auseinandersetzen. Wir sehen unsere Aufgabe hier allerdings nicht darin, noch mehr kurzfristige Lösungsvorschläge in die Diskussion einzuspeisen. Unser Blick richtet sich eher auf die Phase nach der Krise.
Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie sich die Krise langfristig auf Deutschland auswirken wird?
Derzeit kommt es zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust in unserer Gesellschaft. Manager haben in den vergangenen Monaten erheblich an Reputation verloren. Der gesamte Bankenbereich hat ein absolutes Glaubwürdigkeitsproblem. Aber auch die politischen Entscheidungsträger stehen unter kritischer Beobachtung.
Die Ordnungssysteme auf der ganzen Welt haben offensichtlich versagt. Ein einfaches "Weiter so" darf es deshalb nach dieser Krise nicht geben. Wir müssen aus ihr lernen. Dazu brauchen wir Strukturen, die eine kontinuierliche und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Die Weltwirtschaft darf nicht noch einmal durch eine Spekulationsblase so verletzt werden. Das wird sicherlich auch Konsequenzen für Deutschland haben. Diese Krise zwingt uns alle zum Nachdenken darüber, wie sich zukünftig ein verantwortungsvolles Wachstum der gesamten Weltwirtschaft organisieren und besser kontrollieren lässt.
Und schließlich müssen wir Konzepte entwickeln, wie man zukünftig Veränderungs- und Anpassungsprozesse in Deutschland frühzeitig angehen und steuern kann. Besonders in einer solchen Krise werden wir von den Rahmenbedingungen nur getrieben. Wir reagieren auf Probleme und gestalten Veränderungen nicht vorausschauend. Das müssen wir nach meiner Überzeugung dringend ändern.
Welche Aufgabe soll die Task Force der Bertelsmann Stiftung in diesem Zusammenhang übernehmen?
Wir sind auf der Suche nach Wegen, wie man mit den mittel- und langfristigen Folgen der Krise umgehen kann. Und wir suchen Antworten, die unterschiedliche Bereiche mit einbeziehen sollten - Bildung, Werte-Entwicklung oder zum Beispiel Kultur - und sich nicht nur auf die ökonomischen Aspekte beschränken. Unsere Task Force wird das inhaltliche Know-how bei uns im Hause bündeln und mit externem Wissen verbinden, um Lösungsvorschläge für die langfristigen Auswirkungen der Krise zu erarbeiten. Zusätzlich greifen wir auch zu Szenario-Techniken, um unterschiedliche Krisen- und Entwicklungsvarianten für Deutschland durchzuspielen.
Wir wollen zu drei Aspekten konkrete Vorschläge entwickeln, um Probleme zu überwinden und um Deutschland zukünftig krisenfester zu machen. Dazu gehört die Erarbeitung einer "Vertrauensstrategie", die mithelfen soll, die Glaubwürdigkeit von Akteuren, Abläufen und Institutionen wieder herzustellen. Die Marktwirtschaft braucht darüber hinaus einen definierten Rahmen und neue Entwicklungsimpulse. Zu dieser Diskussion wollen wir Eckpunkte für eine "Nachhaltige Weltmarktwirtschaft" beisteuern. Und schließlich arbeiten wir an einem Modell, wie man die Wandlungsfähigkeit unserer Gesellschaft und die Steuerungsfähigkeit unserer Politik in Deutschland bis zum Jahr 2020 optimieren kann.
Wann wird man von Ihren Konzepten und Ideen mehr erfahren können?
Wir setzen bei der Entwicklung unserer langfristigen Krisenkonzepte auf einen sehr offenen Kommunikationsprozess. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir immer wieder Ideen und Thesen veröffentlichen und zur Diskussion stellen. Dazu werden wir an vielen Stellen insbesondere das Internet nutzen, um hier eine schnelle Reaktion und einen direkten Austausch zu erreichen.
Wir sind davon überzeugt, dass man für eine solche Herausforderung nicht einfach nur Lösungen von oben verordnen kann. Die notwendigen Veränderungsschritte werden nur Erfolg haben, wenn viele Menschen in die Entwicklung und Umsetzung einbezogen sind. Das wollen wir versuchen.
Ich glaube, das wird für alle Beteiligten ein sehr spannender Prozess!
weiterer Ansprechpartner
Publikation
change 2/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung
Wichtig für unsere Arbeit ist der Blick über den Zaun. In anderen Ländern gibt es zum Teil bereits Antworten auf Fragen, die wir uns in Deutschland erst stellen. In unserem Magazin greifen wir deshalb auf Erfahrungen aus vielen Ländern zurück. Den Anfang macht Reformland Nr. 1 - die USA mit ihrem Präsidenten Barack Obama.
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