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Pressemeldung
Gütersloh, 23.03.2012

Inklusion, weil die Kinder es wert sind

Kinder mit Hunden
Foto: Michael Bergmann

Schulen in den nächsten zehn Jahren auf Inklusion umzustellen, kostet Geld. Die Schließung der meisten Förderschulen würde zwar Mittel freisetzen, dennoch bleibt ein zusätzlicher Finanzbedarf von rund 660 Millionen Euro pro Jahr. Warum sich das trotzdem lohnt? Weil Inklusion alle mitnimmt. Darum, nicht am falschen Ende sparen....

Deutschland hat sich verpflichtet, Kinder mit und ohne Förderbedarf künftig gemeinsam zu unterrichten. Die Abkehr vom derzeitigen Sonderschulsystem schreibt eine UN-Konvention vor, die am kommenden Montag vor drei Jahren (26. März 2009) in Kraft trat. Besonderen Förderbedarf haben in Deutschland rund eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Schüler. Ihr Anteil an der gesamten Schülerschaft steigt seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich. Im Schuljahr 2010/2011 betrug die Förderquote 6,4 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte sie bei 6,2 Prozent gelegen.

Bundesweit besucht nicht einmal jeder vierte Förderschüler eine Regelschule. Der Trend allerdings ist eindeutig: Im Schuljahr 2010/2011 stieg der Inklusionsanteil – also der Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die nicht auf eine separate Sonderschule gehen – gegenüber dem Vorjahr von 20,1 auf 22,3 Prozent. Spitzenreiter bei der Inklusion ist Schleswig-Holstein. Hier besuchen 49,9 Prozent aller lern- oder körperbehinderten Schüler eine reguläre Schule. Auch Berlin und Bremen weisen bereits heute einen Inklusionsanteil von mehr als 40 Prozent auf. Schlusslicht ist Niedersachsen, wo lediglich 8,5 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet werden.

Eine besonders hohe Dynamik verzeichnet Hamburg. Innerhalb eines Schuljahres ist dort der Inklusionsanteil um über die Hälfte gestiegen, von 16,2 auf 24,4 Prozent. Auch Bayern holt auf. Im Schuljahr 2010/2011 waren es dort 20,2 Prozent der Förderschüler, die auf eine Regelschule gingen. Ein Jahr zuvor lag der Inklusionsanteil noch bei 15,7 Prozent. "Inklusion wird mittelfristig zur Normalität an deutschen Schulen. Das stellt die Schulen vor riesige Herausforderungen, die sie nur mit genügend gut ausgebildetem Personal bewältigen können", sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Begrüßenswert sei der Grundgedanke der Inklusion auch, weil auf einer Förderschule die Aussichten auf einen Schulabschluss nur gering sind. 75 Prozent der Förderschüler, die separat unterrichtet werden, erlangen nicht den Hauptschulabschluss. "Der vermeintliche Schutzraum hat sich für viele als Isolationsfalle entpuppt", sagte Dräger. Wenn das Ziel erreicht werden solle, die Zahl der Hauptschulabbrecher in Deutschland zu halbieren, führe der Weg nur über eine Reform des Sonderschulsystems.

Umstritten war bislang, welche personelle Ausstattung inklusive Schulen benötigen, um alle Kinder angemessen zu fördern. Mit der neuen Studie der Bertelsmann Stiftung liegt nun erstmals eine Berechnung vor, die den konkreten Bedarf benennt: Bundesweit werden in den kommenden zehn Jahren 9.300 zusätzliche Lehrkräfte gebraucht, sofern jeder Förderschüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, soziale und emotionale Entwicklung und Sprache sowie die Hälfte aller anderen Förderschüler an Regelschulen unterrichtet werden sollen. Umgerechnet bedeutet das im Vergleich zum Schuljahr 2009/2010 zusätzliche Kosten von jährlich rund 660 Millionen Euro, die in voller Höhe ab dem Schuljahr 2020/21 anfallen.

Die Summe entspricht etwas weniger als 2 Prozent der heutigen Gesamtkosten von Schule. "Inklusion ist notwendig und bezahlbar. Aber sie wird dort scheitern, wo Länder sie als Sparmodell betrachten", sagte Dräger. Das Geld und die Stellen, die an bisherigen Förderschulen frei werden, seien nicht ausreichend, sofern der Umfang der Förderung nicht reduziert werden soll. Eine hinreichende Personalausstattung der Schulen mit Lehrern, Sonderpädagogen, Psychologen und Therapeuten sei – neben dem durchgängigen pädagogischen Prinzip der individuellen Förderung – die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg und die Akzeptanz von Inklusion. Umfragen der Bertelsmann Stiftung in jüngerer Zeit hatten gezeigt, dass bei Lehrern und Eltern die Skepsis gegenüber Inklusion nach wie vor groß ist. "Nur wenn alle Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren, wird inklusiver Unterricht den nötigen Rückhalt erfahren", sagte Dräger.

In seiner Berechnung geht Prof. Klemm davon aus, dass die bisherige Förderung der behinderten und verhaltensauffälligen Kinder vom Umfang her künftig auch in Regelschulen geleistet wird. Für die einzelnen Bundesländer wird der Umbau ihrer Schulsysteme auf inklusiven Unterricht unterschiedlich teuer. Abhängig sind die Kosten von der jeweiligen demographischen Entwicklung. Während in den westlichen Bundesländern im kommenden Jahrzehnt die Schülerzahlen zurückgehen, steigen sie in den meisten östlichen Bundesländern und Stadtstaaten. Vor allem Länder wie Berlin, Hamburg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, die mehr Schüler als heute erwarten, müssen vergleichsweise große Anstrengungen unternehmen, um genügend Lehrkräfte für das gemeinsame Lernen bereitzustellen.

So werden in Sachsen 1.607 zusätzliche Lehrkräfte benötigt (jährliche Mehrkosten von 114 Millionen Euro), in Berlin 864 Lehrkräfte (61,3 Mio.), in Mecklenburg-Vorpommern 636 Lehrkräfte (45,2 Mio.), in Brandenburg 626 Lehrkräfte (44,4 Mio.) und in Hamburg 488 Lehrkräfte (34,6 Mio.). Länder mit sinkenden Schülerzahlen sehen in Relation dazu geringeren Mehrkosten entgegen: In Nordrhein-Westfalen werden 1.339 zusätzliche Lehrer benötigt (95,1 Mio.), in Bayern 990 Lehrkräfte (70,3 Mio.), in Sachsen-Anhalt 804 Lehrkräfte (57 Mio.), in Thüringen 636 Lehrkräfte (45,2 Mio.), in Hessen 380 Lehrkräfte (27 Mio.), in Baden-Württemberg 310 Lehrkräfte (22 Mio.), in Niedersachsen 215 Lehrkräfte (15,3 Mio.), in Rheinland-Pfalz 197 Lehrkräfte (14 Mio.), in Schleswig-Holstein 88 Lehrkräfte (6,2 Mio.), in Bremen 66 Lehrkräfte (4,7 Mio.) und im Saarland 43 Lehrkräfte (3 Mio.).


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