"Ich habe nie Lampenfieber" - Junge Operntalente im Porträt
Teil 1 unserer Serie: Sängerin Krenare Gashi
In unserer neuen Serie zum Gesangswettbewerb "Neue Stimmen" der Bertelsmann Stiftung stellen wir junge Opern-Talente vor. Den Anfang macht eine der Preisträgerinnen des Wettbewerbs 2007: Krenare Gashi.
Der Name führt in die Irre. "Krenare Gashi" - das klingt asiatisch für deutsche Ohren. Die 24-Jährige lacht. "Ich weiß", sagt sie. "Ich war mal in Tokio und war selbst erstaunt, 'gashi' in vielen Straßennamen zu lesen. Aber bei uns im Kosovo ist das ein Allerweltsname, wohl jeder Dritte heißt so." Mit dem Vornamen "Krenare" (Albanisch für "Stolz") lagen ihre Eltern jedenfalls genau richtig. Sie haben jeden Grund, auf ihre Tochter stolz zu sein - gerade ist sie aus Chicago zurückgekehrt, wo sie am Opera Theater in Bizets "Carmen" auf der Bühne stand. Generaldirektor Brian Dickie hatte damit ein Versprechen wahr gemacht, das er Krenare spontan bei der Preisverleihung der "Neuen Stimmen 2007" gegeben hatte - ein Engagement.
"Es war sehr spannend und schön in Chicago, ich habe jeden Moment genossen", erzählt sie - und ihre braunen Augen bekommen einen schwärmerischen Ausdruck. "Es ist eine andere Welt, die Bühne ist einfach riesig." Doch Lampenfieber hatte sie nicht, lediglich "eine Premierenaufregung, aber positiv". Überhaupt hat sie niemals Lampenfieber - wohl weil sie nicht krampfhaft ehrgeizig ist: "Ich wollte und will kein Star sein", sagt sie. "Ich will einfach auf die Bühne und alles geben." Und diese Unbefangenheit, Unverkrampftheit ist es, mit der sie ihr Publikum bezaubert. Schon als Kind habe sie viel und gerne gesungen und Gedichte rezitiert. "Das erste Mal stand ich mit fünf Jahren auf einer größeren Bühne", erinnert sich Gashi. "Das war immer das, was ich wollte. Und ich wollte singen."
Zwar gab es niemanden in ihrer Familie, der sich musikalisch besonders hervorgetan hätte, doch die Eltern ließen ihre Tochter gewähren. "Sie waren einfach locker." Vor allem ihre zweitälteste Schwester (Krenare hat fünf Schwestern und einen Bruder) habe sie unterstützt und geraten: "Wenn du das möchtest, solltest du das tun." Und sie tat es. Mit zehn Jahren trat sie einer Volkstanzgruppe bei. Mit 13 nahm sie Klavierunterricht, ein Jahr später den ersten Gesangsunterricht. In diese Zeit fällt der Kosovo-Krieg: "In der Nacht zu meinem 14. Geburtstag übernachteten wir alle bei meinem Onkel. Es gab keinen Strom, und meine Familie hat mich mit unzähligen Kerzen überrascht. Statt sich zu freuen, weinten alle. Jeder dachte, vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir alle zusammen sind. Als später die Nato kam, empfand ich das wie eine zweite Geburt." Vielleicht, überlegt Gashi, sei das Erleben des Krieges ein Grund dafür, dass sie heute mit noch größerer Freude auf der Bühne steht und singt, eine "schöne Kunst" ausübt.
Als der Wechsel auf eine höhere Schule anstand, half Krenare Gashi dem Schicksal etwas nach: "Meine beste Freundin und ich hatten uns auf die Aufnahmeprüfung am naturwissenschaftlichen Gymnasium so schlecht vorbereitet, dass wir durchfielen. Und so war der Weg frei für das Musikgymnasium..." Nach dem Abitur bekam sie einen Platz an der Musikhochschule im Kosovo, bewarb sich aber auch in Detmold. Einen Monat vor der Abreise zur Aufnahmeprüfung belegte sie noch einen Deutsch-Intensivkurs, um wenigstens ein paar Wörter der Sprache zu sprechen. Gleichwohl war die erste Zeit in Deutschland hart: "Ich sollte eigentlich zum Sommersemester anfangen, aber ich habe lieber erstmal ein Sprachsemester gemacht. Ich hatte so ein schreckliches Heimweh, ich habe das ganze Semester nur geweint. Als Jüngste in einer sehr großen Familie war ich ja vorher noch nicht einen Tag allein." Trotzdem, oder gerade deswegen, lernte sie sehr schnell Deutsch und spricht es heute bemerkenswert gut.
Ein Plakat an der Hochschule weckte ihr Interesse an den "Neuen Stimmen": "Zum Glück hatte ich keine Ahnung, wie viele sich dort bewerben. So sagte ich mir: Ich habe nichts zu verlieren, ich genieße es einfach." Dass sie am Ende "nur" Siebte wurde, hat sie nie gestört: "Ich war einfach glücklich, überhaupt so weit gekommen zu sein." Ihre Teilnahme brachte ihr nicht nur das Engagement in Chicago ein, sondern auch eines in Frankfurt/Main im vergangenen März. Auch in der weltberühmten Semperoper stand sie inzwischen auf der Bühne.
Und wie geht es jetzt weiter? "Ich habe ein paar Vorsingen, mal schauen, was dabei rauskommt. Ich möchte einfach singen - und das lange. Nicht alles auf einmal machen und plötzlich ist Schluss." Doch wer sie einmal auf der Bühne gesehen hat, ahnt: Dies ist erst der Anfang einer wunderbaren Karriere.
Das Porträt von Sängerin Krenare Gashi ist zuerst in "change 2/2009" erschienen - dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.
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Publikation
change 2/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung
Wichtig für unsere Arbeit ist der Blick über den Zaun. In anderen Ländern gibt es zum Teil bereits Antworten auf Fragen, die wir uns in Deutschland erst stellen. In unserem Magazin greifen wir deshalb auf Erfahrungen aus vielen Ländern zurück. Den Anfang macht Reformland Nr. 1 - die USA mit ihrem Präsidenten Barack Obama.
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