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Brüssel, 09.02.2010

An den Grenzen des Wachstums

Brüsseler Expertenrunde diskutiert Ansätze nachhaltigen Wirtschaftens

Teilnehmer der Podiumsdiskussion in Brüssel.
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Auf Einladung von Bertelsmann Stiftung und World Future Council diskutierten europäische Experten über die Grenzen des Wachstums und Bereitschaft zum Umdenken bei politischen Entscheidungsträgern.
Quelle: Brüsseler Büro der Bertelmann Stiftung

Am 3. Februar 2010 haben die Bertelsmann Stiftung und das World Future Council die zweite von insgesamt drei abendlichen Debatten zum Thema "Rethinking Well-being - How to keep Europe on the Sustainability Track" durchgeführt. Die Reihe steht unter der Schirmherrschaft der Europaparlamentarier Rebecca Harms, Jo Leinen und Sirpa Pietikäinen. Während der ersten Veranstaltung Mitte Januar 2010 hatten die Teilnehmer über die Notwendigkeit einer Abkehr vom ausschließlich BIP basierten Wachstumsparadigma diskutiert, um anschließend Wege zur Entwicklung eines umfassenderen und nachhaltigen Wirtschaftsmodelles aufzuzeigen, die das "Well-being" des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen. Das zweite Panel von vergangener Woche knüpfte daran an und konzentrierte sich auf aktuelle Ansätze und Indikatoren zur Definition und Messung des Wohlergehens von Gesellschaften.

Moderiert von Thomas Fischer, dem Leiter des Brüsseler Büros der Bertelmann Stiftung, und eingeführt von Dirk Hendricks, Direktor des Verbindungsbüros des World Future Council (WCF) bei der EU, diskutierten die Podiumsgäste die Frage, wie der politische Einfluss von Instrumenten zur Erfassung und Messung nachhaltiger Entwicklung gesteigert werden könnte. Mit Thomas Fischer diskutierten Enrico Giovannini, Präsident des Italienischen Statistikinstituts und Mitglied der Stiglitz Gruppe, Jakob von Uexküll, Gründer des Right Livelyhood Awards und des WFC, Raoul Weiler, Präsident des EU Chapter des Club of Rome, und Willy de Backer, Senior Policy Adviser des Global Footprint Network und Gründer des 3E Intelligence Project. Unter den Teilnehmern fanden sich unter anderem die Europaparlamentarier Rebecca Harms aus Deutschland, Vittorio Prodi aus Italien, Claude Turmes aus Luxemburg, Indirek Tarand aus Estland sowie Ziga Turk, Generalsekretär der EU-Reflexionsgruppe "Horizons 2030" unter dem Vorsitz von Felipe Gonzalez.

In seinem einleitenden Vortrag präsentierte Enrico Giovannini die fünf wichtigsten Ergebnisse der "Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress" (Stiglitz Kommission): Zum einen bräuchten wir einen Wechsel von der Produktion hin zu Einkommen, das den Haushalten zugute komme. Zweitens habe die Kommission ihre Arbeit auf das mehrdimensionale Konzept "Well-being" gestützt, das mehrere spezifische Dimensionen sowie die zwei übergreifenden Dimensionen Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit umfasse. Drittens seien nicht nur objektive, sondern auch subjektive Kriterien wichtig für die Messung von menschlichem Wohlergehen. Viertens müssten in Zukunft Demokratie und Informationsgesellschaft stärker miteinander in Einklang gebracht werden. Schließlich organisiere die Stiglitz-Kommission im Gefolge der Veröffentlichung ihres Reportes derzeit weltweit Gesprächskreise, um das Konzept des "well-being" in verschiedenen nationalen Kontexten zu definieren.

Jakob von Uexküll begann seine Präsentation mit der Bemerkung, dass sich quantitative Veränderungen im Wirtschaftssystem mittlerweile zu qualitativen Herausforderungen weiterentwickelt haben. Folglich sehe sich die Menschheit mit der Herausforderung konfrontiert, zwischen nachhaltigen "Bürgerwerten" und nicht nachhaltigen "Konsumentenwerten" zu wählen. Anschließend sprach er die Idee einer treuhänderisch gelenkten Wirtschaftsordnung ("trusteeship economy") an. Insbesondere mit Hinblick auf Körperschaftssteuern müsse die Verpflichtung zur Gewinnmaximierung über Bord geworfen werden. Stattdessen sollten Steuern den dem Planeten zugefügten Schaden widerspiegeln und auf Grundlage von Ressourcenverbrauch anstelle von Einkommen erhoben werden. Ferner betonte von Uexküll das wachsende öffentliche Bewusstsein, wie sehr die einseitige Fixierung auf das BIP-Wachstum zur Zerstörung menschlicher Existenzgrundlagen beitrage. Vor diesem Hintergrund plädierte er für eine verstärkte Einbindung der Zivilgesellschaft in politische Entscheidungsprozesse.

Raoul Weiler betonte in seinem Redebeitrag die Notwendigkeit, nach Lösungen jenseits des BIP-Paradigmas zu suchen. Vor dem Hintergrund der begrenzten Kapazitäten unseres Planeten müssten neben "Grenzen des Wachstums" auch "Grenzen der Verschwendung" thematisiert werden. Insbesondere die wirtschaftlich erfolgreichen Länder sollten, so Weiler, die Tatsache akzeptieren, dass sie vor einer neuen Kopernikanischen Wende stünden. Laut Weiler sollten wir uns von der vorherrschenden anthroprozentrischen Weltsicht verabschieden und lernen, eine neue, ökozentrische Weltsicht zu akzeptieren. In der Praxis bedeute dies für die Menschen in den reicheren Gesellschaften, dass sie möglicherweise sogar negatives Wachstum ("décroissance") als neues Paradigma hinnehmen müssten.

Willy de Backer betonte, dass es höchste Zeit sei, über die "GDP and Beyond"-Debatte hinauszugehen. Wie er inbesondere kritisierte, sei das Argument der Nachhaltigkeit nicht hinreichend von den Medien verbreitet worden und daher kaum Bereitschaft zum Umdenken bei politischen Entscheidungsträgern festzustellen. Während viele Studien durchgeführt und Messinstrumente entwickelt worden seien, bleibe die zentrale Frage nach den auf unserem Planeten tatsächlich noch verfügbaren Energie- und Rohstoffreserven unbeantwortet. Obwohl sicher hilfreich bei der Entwicklung neuer Argumente für nachhaltige Entwicklung und "well-being"-orientiertes Wirtschaften, drohten die Debatten über statistische Indikatoren die eigentlich relevante Dikussion über die Grenzen des Planeten zu verdrängen. Da wir keine Zeit zu verlieren hätten, müssten wir, so de Backer, uns darauf konzentrieren, die "movers and shakers" in Politik und Wirtschaft davon zu überzeugen, dass sie bei ihren Entscheidungen die begrenzte Belastbarkeit der Erde stärker berücksichtigen.

In der Diskussion warnte Willy de Backer das Auditorium, dass die Europäer auf dem besten Weg seien, den Wettbewerb mit China um grüne Technologien zu verlieren. Enrico Giovannini bezeichnete das Festhalten am Begriff der nachhaltigen Entwicklung als einen Fehler, da dieser auf Altruismus basiere. Alternativ sollten wir uns auf das Konzept der "vulnerability" konzentrieren, wodurch zugleich der Handlungsdruck auf politische Entscheidungsträger erhöht würde. Raoul Weiler unterstützte dieses Argument, indem er auf die dramatischen Effekte des Klimawandels für Mensch und Natur verwies. Darauf verwies auch Jakob von Uexküll, der betonte, dass der Übergang hin zu erneuerbaren Energien beschleunigt werden könne, wenn nur ausreichend politischer Wille vorhanden sei.

In seinem Schlusswort hob von Uexküll die Bedeutung eines intensivierten Austausches über innovative Initiativen und Ansätze für ein praktikables Zusammenleben zwischen nördlicher und südlicher Hemisphäre hervor. Raoul Weiler bezeichnete die EU und deren Mitgliedstaaten als "partycracies", in denen die Menschen sich als Lobbyisten des Wandels verstehen müssten. Auch Enrico Giovannini betonte, dass die Verbreitung neuer Argumente Investitionen erfordere und der Wettkampf zwischen verschiedenen Interessen und Ansichten bereits in vollem Gange sei. Willy de Backer konkretisierte diesen Punkt, indem er vorschlug, die bisher anonym gebliebenen "Helden der Nachhaltigkeit" in Wirtschaft und Gesellschaft tatkräftiger in ihrem Bemühen zu unterstützen, überkommene Wahrnehmungsmuster und Ansichten auch in der Führungsetage der Politik zu verändern.


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Porträt von Thomas Fischer Thomas Fischer
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