Auf der Suche nach der verlorenen Weltordnung - Europa rennt die Zeit davon - Ratlosigkeit in Anbetracht wachsender Bedrohungen
Was die Welt bedroht, darüber können heute kaum noch Zweifel herrschen. Zu gegenwärtig und umfassend sind die Gefahren, die vom internationalen Terrorismus, von Massenvernichtungswaffen, den zahlreichen Regionalkonflikte und scheiternden Staaten oder der organisierten Kriminalität ausgehen. Hinzu tritt die große Abhängigkeit von Energielieferungen aus zumeist undemokratischen wie instabilen Staaten.
Tatsächlich ist seit dem 11.9. kaum ein Tag vergangen ohne neue Terroranschläge. Islamistische Fundamentalisten haben dem Westen offen den Krieg erklärt. Auch Europa ist im Nerv getroffen. Spätestens mit den Anschlägen von London steht fest, dass die terroristischen Attentäter in Gestalt muslimischer Jugendlicher mitten unter uns leben. "Homegrown" nennen wir das inzwischen.
Kurz vor dem Aus steht auch das Herzstück internationaler Friedenssicherung: der Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen. Nordkorea brüstet sich bereits damit, Atomwaffen zu besitzen. Das sensible Machtgefüge in Ostasien steht damit auf dem Kopf. Derweil spielt die iranische Führung mit ihrem Atomprogramm Katz und Maus: erst mit den Europäern und nun mit dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Den Schaden, den die internationale Ordnung hierdurch nimmt, ist noch nicht abzusehen. Inzwischen denken Ägypten und Saudi-Arabien laut über eigene Nuklearprogramme nach - gerade so, als ob sich im Nahen und Mittleren Osten nicht schon genug Sprengstoff angesammelt hätte. Gar nicht darüber nachdenken mag man, was passiert, wenn durch diese Form der Ausbreitung nukleares Material in die Hände von Terroristen fällt. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, lassen schwache und zerfallene Staaten die Friedens- und Stabilitätsbemühungen der internationalen Gemeinschaft ein ums andere Mal ins Leere laufen.
Entsprechend übereinstimmend fiel die Analyse der Redner zu den globalen Sicherheitsherausforderungen aus, die das Thema des zweiten Tages des Internationalen Bertelsmann Forums bildeten. Nicht nur zwischen den Zeilen konnte man heraushören, dass sich der deutsche Verteidigungsminister, Franz Josef Jung, und sein polnischer Kollegen, Radoslaw Sikorski, deutlich unterscheiden. Jung argumentierte wesentlich zurückhaltender, nahezu besonnen. Sikorski kam hingegen direkt und ungeschminkt auf die wunden Punkte zu sprechen. Es war dabei nicht die in Oxford geschulte Rhetorik, sondern ernste Sorge, als er fragte, was denn aus dem Westen werde, wenn die NATO in Afghanistan und die USA im Irak scheitern.
Einigkeit herrschte darüber, dass keine einzige der Herausforderungen mehr allein militärisch zu beantworten wäre. Vielmehr betonten Sikorski und Jung, dass nur die Vernetzung unterschiedlicher Instrumente, ziviler wie militärischer, noch Erfolgschancen böten. Alle Bemühungen um Sicherheit und Stabilität müssten daher durch Strategien flankiert werden, die den Aufbau demokratischer Staaten mit funktionierenden Zivilgesellschaften zum Ziel haben. Dies unterstrich auch der Generalsekretär der OSZE, Marc Perrin de Brichambaut. Er verwies vor allem darauf, dass die jüngsten Entwicklungen auf dem Balkan von den Europäern größte Aufmerksamkeit verlangten.
Undeutlich blieb jedoch, wie Europa zur Lösung der Sicherheitsprobleme beitragen kann. Sowohl Jung wie auch Sikorski unterstrichen zwar die besondere Verantwortung der Europäer. Über die Rolle der Europäischen Union schwiegen sie sich aber mehr oder weniger beredet aus.
Diese wurde dafür umso vehementer von dem ehemaligen italienischen Präsidenten, Carlo Ciampi, eingefordert. Gar nicht altersmilde, sondern fast schon zornig, ermahnte er die Europäer, in Anbetracht der Herausforderungen endlich und ein für alle Mal ihre nationale Egoismen zu überwinden. Europa habe überhaupt nur eine Zukunft und der Frieden eine Chance, wenn es in der Außen- und Sicherheitspolitik mit einer Stimme spreche und handele.
Dem wollte auch Henry Kissinger nicht widersprechen. Er fügte aber eine, wenn nicht die entscheidende weitere Bedingung an: Nur, wenn die Europäer zusammen mit den Amerikanern mit einer Stimme sprechen, wird der Friede eine Chance haben. Wie in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sollte hierzu der Versuch unternommen werden, über einen zweiten Harmel-Bericht, der den Westen damals gegen die Gefahr des Kommunismus erfolgreich einte, wieder zusammenzufinden. Wie immer brillant in der Analyse, musste es selbst Hartgesottene erschüttern, als Kissinger laut in die Runde fragte, wie die internationale Ordnung noch zu retten wäre. Die Antwort auf diese Frage hatten die Teilnehmer eigentlich von ihm erwartet. Kissinger wirkte deprimiert. Es lässt nichts Gutes ahnen und sollte den Politikern in Europa zu denken geben, wenn er seine Betrachtungen mit einer abgründigen Erkenntnis aus Kants Ewigem Frieden enden ließ. Der Friede entsteht danach entweder durch eine Katastrophe oder durch menschliche Vernunft - an letzterer schien er zu verzweifeln.















