EU und Asien: Rivalität von Indien und China verhindert asiatische Kooperation
Das europäisch-atlantische Zeitalter ist zu Ende - die beiden asiatischen Mächte China und Indien werden die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts prägen. Darüber waren sich alle Teilnehmer des Diskussionsforums "Herausforderung Asien: China und Indien im Aufstieg" einig. Welche Folgen die Konkurrenz zwischen beiden Milliardenvölkern zeitigen wird, wurde jedoch höchst kontrovers debattiert. Ronnie Chan, Vorsitzender des Hang Lung Group Ltd. in Hong Kong, C. Raja Mohan, Strategic Affairs Editor der in Neu-Dehli erscheinenden Zeitung "The Indian Express" und Jürgen Fitschen, Mitglied des Group Executive Committee der Deutsche Bank Unternehmensgruppe, lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch - und verblüfften ihr Publikum mit originellen Argumenten.
Schon die Metapher zur Beschreibung der kommenden Weltlage war umstritten: Während im Westen vom "Aufstieg" der beiden Mächte die Rede ist, bevorzugten ihre Vertreter auf dem Podium das Bild einer "Wiederkehr". Beide erinnerten an die Jahrtausende alte Geschichte ihrer jeweiligen Zivilisationen: Aus dieser Perspektive nähmen China und Indien nach einer zeitweiligen Schwächephase einfach wieder den ihnen zustehenden Rang in der Welt ein. Mohan verwies darauf, dass Indien und China um 1820 mehr als die Hälfte der damaligen Weltwirtschaftsleistung produziert hätten. Chan versicherte, im 18. Jahrhundert sei China der mächtigste Staat der Erde gewesen, habe allerdings die aufstrebenden europäischen Nationen unterschätzt. Europa habe den Höhepunkt seiner Macht und kulturellen Blüte im 19. Jahrhundert erlebt, sei aber im 20. Jahrhundert von Amerika abgelöst worden - mittlerweile werde es von den Wirtschaftsriesen USA, Japan und China geradezu "eingequetscht".
Ein Aufbau supranationaler Institutionen wie im Europa der Nachkriegszeit die die Konflikte auffangen, zeichne sich in Asien aber nicht ab, betonten die Teilnehmer: Dafür seien die Ausgangslagen der maßgeblichen Staaten zu unterschiedlich. Zwar hätten sowohl Indien als auch China Interesse an einem Minimum an Stabilität, so dass eine gewisse ökonomische Integration der Region denkbar wäre, doch eine politische Integration wie in Form der Europäischen Union sei praktisch ausgeschlossen, stellte Mohan fest: Eher würden Dehli und Peking entgegen gesetzte Pole des Machtgleichgewichts in Asien bilden, zwischen denen sich die übrigen Staaten zu entscheiden hätten.
Eine "asiatische Variante der EU" würden die Anwesenden "bis an ihr Lebensende nicht erleben", pflichtete ihm Fitschen bei. Er zählte absehbare Streitpunkte sowohl innerhalb beider Staaten als auch zwischen ihnen auf. Chinas Wirtschaftswachstum sei dem indischen um mindestens ein Jahrzehnt voraus; indes nehme in gleichem Tempo die Ungleichheit der Einkommensverteilung in der chinesischen Gesellschaft zu - dies schüre soziale Unruhe. Auch in Indien profitierten zwei Drittel der Bevölkerung Indiens, nämlich die Landbewohner, bislang ebenfalls kaum vom Wirtschaftsaufschwung. Doch während in China landwirtschaftlich nutzbare Flächen inzwischen knapp würden, seien die natürlichen Ressourcen in Indien noch nicht ausgeschöpft. Schließlich konkurrierten beide Mächte um dieselben Rohstofflieferanten und Absatzmärkte - ein möglicher Auslöser bewaffneter Auseinandersetzungen. Einen befriedenden Einfluss schrieb Fitschen dagegen dem Wirken multinationaler Konzerne zu: Sie zwängen nationale Regierungen, international verbindliche Standards einzuhalten, um ihre Wirtschaftsinteressen zu wahren.
In der Außenpolitik fehlen solche mäßigenden Faktoren. Aus chinesischer Sicht müsse das Reich der Mitte aufrüsten, weil es "von historischen oder möglichen Feinden eingekreist" sei, hob Chan hervor. Der Bogen spanne sich von Japan über Taiwan, Vietnam, Tibet und die von Moslems bewohnte westchinesische Region Xinjiang bis nach Russland; Moskau könne andererseits ein potentieller Verbündeter Pekings werden, um gemeinsam Washington Paroli zu bieten. Den uneingeschränkten Supermacht-Status geißelte Chan mit der Aussage: "Für mich sind die USA der größte Gefahrenherd der Erde." Verbindlicher in der Wortwahl, aber ebenso entschieden vertrat Mohan die Position Dehlis. Indien wolle eine unabhängige Macht bleiben, die ihre Verbündeten je nach Weltlage auswähle: "Ich sehe keinen Grund, warum wir uns langfristig binden sollten." Nach der Wiedergewinnung seiner Souveränität werde der Subkontinent sie kaum an ein supranationales Staatengebilde wie die EU abtreten - "multilaterales Vorgehen" sei eine fixe Idee Europas, das damit seine Schwäche kaschiere.
Solche Beschreibungen der Konstellation erschienen den mehrheitlich westlichen Zuhörern wie eine Wiederkehr des "europäischen Mächtekonzerts" im 19. Jahrhundert - sie warnten vor einer Neuauflage der katastrophalen Kriege des 20. Jahrhunderts. Mohan wies diese Analogie zurück: Zwar erinnere die aktuelle Situation in der Tat an die Instabilität der Zwischenkriegszeit, doch hätten weder China noch Indien in ihrer langen Vergangenheit jemals imperialistisch agiert. Allerdings sei kaum einzuschätzen, ob ihre künftige Rivalität allein mit friedlichen Mitteln ausgetragen werde.















