"Kampf der Ignoranz"
Friedenssicherung ist eine globale Herausforderung, der sich westliche Staaten und Organisationen zusehends stellen müssen. Die Europäische Union (EU) ist heute mit Missionen in Afrika, dem Nahen Osten und Asien präsent. Die NATO steht in Afghanistan vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Darüber hinaus unterstützen eine ganze Reihe europäischer Staaten seit kurzem die Libanon-Mission der Vereinten Nationen. Während die Zahl westlicher Friedens- und Stabilisierungsmissionen immer weiter ansteigt, kann die Entwicklung von Strategien, wie man solche Missionen auch erfolgreich gestaltet, dem Tempo nicht folgen. Welche Schwächen die westliche Politik heute hat und wie der Westen seine Strategien und Fähigkeiten zur Stabilisierung von Konfliktgebieten verbessern kann, war Gegenstand des Forums "From the Middle East to the Hindu Kush - Collapse of Western Strategies?".
Der frühere schwedische Regierungschef Carl Bildt unterstrich die Bandbereite der Herausforderungen für den Westen. Die Schwerpunkte lägen auf Afghanistan und vor allem auf dem Nahen Osten. Aus seiner Sicht sei der Friedensprozess für den israelisch-palästinensichen Konflikt der Schlüssel für die Region. Zudem warnte Bildt vor einem "Kampf der Kulturen", der seiner Ansicht nach Realität werden könnte.
Gernot Erler, Staatsminister im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, hob die Aktivitäten Deutschlands im Nahen Osten hervor. Diese beschränkten sich keineswegs auf die militärische Komponente durch die Entsendung von Marineeinheiten. Dies sei nur eine Facette deutschen Engagements in der Region. Das übergeordnete strategische Ziel sei, den Friedensprozess im Nahen Osten auf der politischen Ebene wiederzubeleben. Bezugspunkt müsse dabei die so genannte "Road Map" des aus der EU, den Vereinten Nationen, Russland und den USA bestehenden Nahostquartetts sein, die sich unter anderem für eine Zweistaaten-Lösung ausspricht. Allerdings müsse der Plan den neuen Gegebenheiten im Nahen Osten angepasst werden.
Ausdrücklich positiv bewertet wurden die gesteigerten europäischen Bemühungen in der Region als Reaktion auf den Libanonkonflikt von Prinz Dr. Mohammed Bin Faisal bin Turki, dem Direktor für Angelegenheiten der Europäischen Union des saudiarabischen Außenministeriums. Seiner Ansicht nach seien die Aktivitäten der Europäer gerade deshalb hilfreich, weil auch die Menschen in der Region sie bemerkten und positiv aufnähmen. Gleichwohl forderte er die europäischen Staaten auf, sich noch aktiver im Nahen Osten einzubringen. So sei beispielsweise ein stabiler Irak im ureigenen Interesse der Europäer. Zu Bildts Hinweis auf einen möglichen Kampf der Kulturen entgegnete Prinz Bin Faisal, dass die Gefahr eher in einem "Kampf der Ignoranz" bestehe: der gegenseitigen Unkenntnis über den Anderen, der durch einen intensiveren interkulturellen Dialog begegnet werden müsse.
Grigorij Jawlinskij, Direktor des Center for Economic and Political Research in Moskau, warnte demgegenüber vor einer Konfrontation zwischen verschiedenen Zivilisationen. Transnationale Terroristen um Al Qaida gehe es um die Zerstörung aller anderen Zivilisationen.
Auf mögliche Schwierigkeiten, die der Westen bei seinen Stabilisierungsbemühungen haben könnte, wies die frühere Außenministerin Spaniens und heutige Vizepräsidentin der Weltbank, Anna Palaccio Vallelersundi, hin. So müsse nicht nur die transatlantische Einigkeit als wesentliches Element für ein erfolgreiches Handeln des Westens im Nahen Osten bewahrt werden. Einigkeit müsse zudem auch innerhalb der EU gesichert werden. Vor diesem Hintergrund bewertete Anna Palaccio die Vermittlungsbemühungen der aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien bestehenden "EU-3" kritisch. Zumindest zu Beginn ihrer Aktivitäten hätten die drei Staaten ihre europäischen Partner zu wenig einbezogen.















