Deutsche Muslime: Politische Einstellung wird nicht von Konfession bestimmt
Zur aktuellen Debatte um Religion, Gewalt und mangelnde Integration
Bei der Suche nach den Ursachen für mangelnde Integrationsfähigkeit bei Bürgern mit ausländischen Wurzeln wird oft auf die hohe Religiosität verwiesen. Ein Blick auf die Fakten zeigt: Das ist zu kurz gedacht. Die Hintergründe der vorhandenen Problematik erschließen sich erst auf den zweiten Blick.
Nach der repräsentativen Sonderstudie "Muslimische Religiosität in Deutschland" aus dem Religionsmonitor sind 90 Prozent der Muslime hierzulande religiös, 41 Prozent davon sogar hochreligiös. In der deutschen Gesamtgesellschaft, die sich noch immer wesentlich aus Mitgliedern der beiden christlichen Konfessionen und aus Konfessionslosen zusammensetzt, fühlen sich hingegen deutlich weniger Menschen fest im Glauben verankert: 70 Prozent sind religiös, 18 Prozent davon hochreligiös.
Besonders stark ist ein religiöses Bedürfnis bei jungen Muslimen ausgeprägt. Diese sind nicht nur tendenziell religiöser als ältere Gruppen, sie glauben mitunter deutlich stärker an Gott und an ein Leben nach dem Tod. Zudem fühlen sich die jüngsten Muslime in Deutschland stärker an religiöse Gebote gebunden als ältere Generationen. Dies zeigt sich beispielsweise am deutlich rigideren Umgang mit dem Verbot von Schweinefleisch und Alkohol, aber auch in einer größeren Zustimmung zum Kopftuch bei Frauen.
Nun stellt sich die Frage, woher diese stärkere Glaubensfestigkeit bei jungen Muslimen kommt. Der Schlüssel zur Beantwortung liegt im Wesentlichen in einer religiösen Erziehung. Je jünger die befragten Muslime sind, desto häufiger berichten Sie davon, religiös erzogen worden zu sein. Bei Christen in Deutschland zeigt sich eine gegenläufige Bewegung. Hier scheint lediglich bei älteren Generationen die Religion eine Bedeutung bei der Erziehung gehabt zu haben. Indes lassen sich die Motive für eine zunehmende religiöse Erziehung wohl in der Lebenssituation der Muslime in Deutschland finden: Ein Leben in der Diaspora versucht man, durch die Berufung auf Bekanntes, auf mitgebrachte kulturelle und religiöse Traditionen, Stabilität zu verleihen.
Muslime in Deutschland sind demzufolge in ihrem Glauben sehr verwurzelt. Wirkt Religiosität tatsächlich radikalisierend, wie mitunter vermutet wird? Diese Vermutungen lassen sich so nicht halten: Lediglich 16 Prozent der deutschen Muslime sagen, dass ihre Religiosität starken oder sehr starken Einfluss auf die eigene politische Einstellung hat. In der deutschen Gesamtbevölkerung ist dieser Wert mit 14 Prozent nahezu identisch. Zwar steigt dieser Prozentsatz bei hochreligiösen Muslimen auf 24 Prozent. Mit 32 Prozent sprechen aber unter den Hochreligiösen in der deutschen Gesamtgesellschaft deutlich mehr Menschen der Religion eine Bedeutung für politische Ansichten zu. Eine enge Verbindung von Politik und Religion ist bei den deutschen Muslimen ganz offensichtlich nicht auszumachen.
Toleranz zeigt sich letztlich auch in der Offenheit gegenüber anderen Religionen. 86 Prozent der Muslime sprechen sich für eine Offenheit gegenüber fremden religiösen Traditionen aus, deutsche Katholiken und Protestanten tun dies zu jeweils 83 Prozent. Zum Vergleich liegt die Zustimmung in der islamisch-geprägten Türkei mit 67 Prozent deutlich unter dem Wert der Muslime in Deutschland. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Toleranz in einer Minderheitssi-tuation einer Religionsgruppe wächst.
Die tatsächlichen Ursachen für gesellschaftliche Spannungen liegen zumeist nicht in unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen, sondern im strukturellen und sozialen Bereich. Zusammen mit fehlender Bildung, Arbeitslosigkeit und Ghettoisierung führt das zu einem ge-sellschaftlichen Ausschluss. Es handelt sich also um eine Vielzahl von Gründen, die zu Spannungen und Gewalt in heterogenen Gesellschaften führen und den Integrationsprozess erschweren. Sich nur auf Einzelaspekte wie die Religion zu versteifen fördert nur weitere Marginalisierung und wirkt kontraproduktiv.















