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Prävention von Rückenschmerzen

Einstellungen zum Rückenschmerz und Umgang damit sind mitverantwortlich für Rückenschmerz-Epidemie

Eine Frau und ein Mann sitzen mit dem Rücken aneinander gelehnt.

Erkrankungen der Haltungs- und Bewegungsorgane sind weltweit die häufigste Ursache für chronische Schmerzen und körperliche Behinderungen der Bevölkerung. Trotz ständig zunehmenden Wissens und enormer Ausgaben bleibt der Rückenschmerz in den meisten industrialisierten Ländern ein gravierendes gesundheitsökonomisches und sozialmedizinisches Problem. Rückenleiden zählen zu den Erkrankungen mit den höchsten Aufwendungen für Krankheitsfolgeleistungen. Gegenwärtig beträgt die Häufigkeit von Rückenschmerzen unter Erwachsenen in Deutschland zu jedem Zeitpunkt etwa 40 Prozent. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an Rückenschmerzen, bezogen auf die Lebenszeit eines Menschen sind es sogar 80 Prozent der Deutschen. Das heißt: Nur ein Fünftel der Bevölkerung bleibt im Laufe des Lebens von Rückenschmerzen verschont.

Die offensichtliche Häufung von Rückenschmerzen in den vergangenen Jahrzehnten, die sich in der ständigen Zunahme von Ausgaben für medizinische Leistungen, Arbeitsunfähigkeiten und Ausgleichszahlungen bei Rückenschmerzen ausdrückt, ist vermutlich sowohl auf veränderte Einstellungen und Erwartungen, geänderte medizinische Grundsätze und Versorgungsstrukturen als auch auf die soziale Absicherung zurückzuführen. Denn die enorme Zunahme erklärt sich im historischen Rückblick nicht durch eine Zunahme tatsächlicher Rückenerkrankungen. Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule sind heute nicht häufiger als im Mittelalter. Erheblich zugenommen haben jedoch die diagnostischen und therapeutischen Bemühungen und die sozialmedizinischen Folgen von Rückenschmerzen (Arbeitsunfähigkeitstage, Frühberentung, Arztbesuche, Röntgenbilder, Computertomographie-Aufnahmen, Reha-Verfahren usw.).

Zu viel Schonung und Schmerzvermeidung verlängern das Leiden
Dabei scheint die herkömmliche medizinische Versorgung das Problem Rückenschmerz nicht lösen zu können, sondern verschlimmert es möglicherweise sogar. So kann vermutet werden, dass nicht die Rückenleiden, sondern die zahllosen Versuche, Rückenschmerzpatienten zu versorgen, das eigentliche Problem darstellen. Wir müssen lernen, dass Rückenschmerzen zumeist nichts Schlimmes sind und in der Regel gute Heilungschancen haben. Denn 80 bis 90 Prozent aller Rückenschmerzen klingen innerhalb von vier bis sechs Wochen wieder ab – mit oder ohne Behandlung. Zu viel Diagnostik, Schonung, Schmerzvermeidung und passive Behandlungen verlängern die Rückenschmerzen. Alltagsaktivitäten hingegen so schnell wie möglich wieder aufzunehmen und schnellstmöglich zur Arbeit und zur Normalität zurückzukehren, verringern Rückenschmerzen, Arbeitsunfähigkeitstage, Rückfälle (Rezidive) und andere Folgeprobleme.

Rat: "Bleib aktiv und beweg dich!"
"Wer mit unspezifischen, leichten Rückenschmerzen wie ein Kranker behandelt wird, wird sich wie ein Kranker verhalten", betont Prof. Hans-Heiner Raspe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Bettruhe und passive Maßnahmen sind out: "Bleib aktiv und beweg Dich!" lautet deshalb der Rat, der sich aus aktuellen internationalen Recherchen und Leitlinien ergibt.

Beim Versuch, die Ursachen unserer Rückenschmerzen zu erklären, machen wir es uns häufig zu einfach. Immer noch werden schlechtes und langes Sitzen, so genanntes falsches Bücken oder eine unterentwickelte Muskulatur jeweils als Einzelursache für die Beschwerden angesehen. "Meine Rückenschmerzen kommen vom langen Sitzen", oder "Das ist Verschleiß, da kann man nichts mehr machen", sind häufige Bewertungen. Diese Bewertungen werden den zugrunde liegenden vielfältigen Ursachenkombinationen keineswegs gerecht.
Im Rahmen eines Projektes der Bertelsmann Stiftung zur Prävention von Rückenschmerzen fasst eine Expertise von Prof. Hans-Heiner Raspe vom Institut für Sozialmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen. Die Expertise bestätigt, dass Rückenschmerzen ein komplexes Ursachengeflecht zugrunde liegt. Sie macht auch deutlich, dass viele vermeintliche Ursachen bislang wissenschaftlich unzureichend bewiesen sind. So ist zum Beispiel der oft postulierte Zusammenhang von sitzender Tätigkeit und Rückenschmerzen derzeit mit wissenschaftlichen Daten nicht belegbar.

Erfolgreiche Präventionsansätze: Bewegungsprogramme und Einstellungsänderungen
Besonderen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Rückenschmerzen im betrieblichen Umfeld haben die bisherige Rücken-Anamnese sowie psychologische Aspekte und arbeitsplatzbezogene Aspekte wie Arbeitszufriedenheit und soziale Unterstützung am Arbeitsplatz. Im Bereich der Verhaltensprävention haben sich nur allgemeine Trainings- und Bewegungsprogramme sowie Maßnahmen, die eine Einstellungsänderung im Sinne einer Entmedikalisierung bewirken, als erfolgreiche Ansätze zur Prävention von Rückenschmerzen und deren Folgen erwiesen.

Wir werden wohl umdenken müssen, um Rückenschmerz-Epidemie, unnötige Beeinträchtigungen und Kosten zu verringern. Die Rückenprojekte der Bertelsmann Stiftung versuchen, mit verschiedenen Ansätzen dieses Umdenken zu unterstützen: So wird gegenwärtig ein präventives Screening-Verfahren erarbeitet, das das Rückenschmerzrisiko bei beschwerdefreien Personen ermitteln soll. Um die Eigenverantwortung und den richtigen Umgang mit Rückenschmerzen zu verbessern, werden risikospezifische Informationen und Maßnahmen in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe entwickelt. Zur Weiterentwicklung der Versorgung von Rückenpatienten werden gegenwärtig Empfehlungen für eine abgestimmte, evidenzbasierte Versorgung erstellt. Eine fachbereichsübergreifende Expertengruppe unter der Leitung von Prof. Thomas Kohlmann von der Universität Greifswald bearbeitet die Schnittstellen der verschiedenen Versorgungskontexte und -sektoren auch unter Einbeziehen möglicher Ansätze der Prävention.


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