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Gütersloh, 21.12.2009

Die Kinderkrippe bei Papa im Büro

Modellregion Nürnberg

Arbeit und Spielen finden bei Rödl Partner unter einem Dach statt. Die Kinder spielen im Sandkasten - mitten im Innenhof des Unternehmens.
Arbeit und Spielen finden bei Rödl Partner unter einem Dach statt. Die Kinder spielen im Sandkasten - mitten im Innenhof des Unternehmens.
Fotograf: Dominik Gigler

Die Metropolregion Nürnberg möchte die familienfreundlichste Region Deutschlands werden. Die ersten großen Schritte sind getan, und in den Unternehmen hat längst ein Umdenken begonnen: Mit Papi morgens zur Arbeit - welches Kind würde das nicht cool finden. Für den kleinen Finn ist es Routine. Der Dreijährige sitzt stets gut gesichert im Kindersitz auf der Rückbank, wenn sein Vater Joachim Fürst gegen halb neun vom fränkischen 230-Seelen-Dorf Langenthal nach Nürnberg ins Büro fährt, zum Stammsitz von Rödl & Partner, einer international tätigen Rechtsanwalts-, Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft mit weltweit 3.000 Mitarbeitern. Kaum im Gebäude angekommen, läuft der Kleine schon vorweg. Er kennt den Weg zu den "Schlauen Füchsen", wie die Kinderkrippe heißt, die Rödl & Partner mit dem bayerischen Roten Kreuz betreibt.

Bis zur Abholung spätnachmittags um halb sechs sind Vater und Sohn gut beschäftigt: mit Aktenstudium und Mandantenbesuchen der eine - mit spielen, malen und toben der andere. "Auf der Rückfahrt erzählt er mir, was er so erlebt hat", sagt Joachim Fürst. "Und ich ihm auch, obwohl ihn nicht immer alles interessiert", fügt der 45-Jährige schmunzelnd hinzu.

Beruf und Familie vereinbaren, Karriere machen und trotzdem für die Kinder da sein können - die Europäische Metropolregion Nürnberg (EMN) bietet dafür viele Beispiele. Denn sie hat ein ehrgeiziges Ziel: Sie möchte Deutschlands familienfreundlichste Wirtschaftsregion werden - und damit Trendsetter für andere. Das im Januar ins Leben gerufene Modellprojekt baut auf dem "Bündnis für Familie" auf, das seit 2000 besteht und bundesweit das erste seiner Art war. Es geht um acht Landkreise und drei kreisfreie Städte mit mehr als 3,5 Millionen Einwohnern; 150.000 Unternehmen sind hier angesiedelt, von denen viele bereits familienfreundliche Angebote geschaffen haben. Im Nürnberger Stützpunkt der Direktbank Cortal Consors etwa werden leitende Mitarbeiter ermuntert, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen - gerade auch die Männer. Bei der HUK-Versicherung in Coburg wurde das Konzept "Führung in reduzierter Vollzeit" entwickelt, von dem vor allem junge Mütter profitieren. Das Bamberger Pharmaunternehmen Dr. R. Pfleger beteiligt sich an den Kosten der Ferienbetreuung für Mitarbeiterkinder. Die Rechtsanwaltskanzlei Dr. Sonntag in Fürth bietet Ausbildungsplätze in Teilzeit an, richtet sich damit vor allem an Alleinerziehende.

Bei Rödl & Partner war es persönliche Betroffenheit, die alles ins Rollen brachte. Monika Rödl-Kastl, heutige Frau des Firmenchefs Bernd Rödl, war schwanger, als sie Mitte der Achtzigerjahre nach drei Jahren Betriebszugehörigkeit ihre Steuerberaterprüfung bestand. "Ich war 30, wollte nun richtig loslegen und musste sehen, wie ich Job und Kind vereinbaren konnte." Einer Kollegin ging es genauso, und so machte Bernd Rödl den beiden einen ungewöhnlichen Vorschlag: "Er bot uns an, tagsüber eine ehemalige  Hausmeisterwohnung direkt bei der Kanzlei zu beziehen, die uns als Büro eingerichtet und vom Unternehmen bezahlt wurde. Dorthin konnten wir unsere Babys mitbringen; zusätzlich engagierten wir noch ein Kindermädchen, dessen Kosten wir uns teilten."

"Beruf und Familie" war fortan ein Thema im Betrieb, und vor sieben Jahren gründeten Frauen aus verschiedenen Abteilungen die Gruppe "Career" - der Name soll nicht nur für Karriere stehen, sondern auch für "Care", kümmern. Sie holten eine Sozialpädagogin ins Haus, die das Unternehmen auf Familienfreundlichkeit hin unter die Lupe nahm. Flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, habe es bereits gegeben, erzählt Monika Rödl-Kastl. "Nun wollten wir wissen, was noch fehlt. Und das war Kinderbetreuung."

Als sich das Unternehmen 2005 ein neues Domizil entwerfen ließ, plante man die Krippe gleich mit ein. Man könnte fast sagen: Man baute die Büros und Konferenzräume um die Krippe herum, so zentral liegt sie. Dass man von den oberen Stockwerken gleich von mehreren Seiten auf den unter freiem Himmel liegenden Spielplatz herabschauen kann, ist gewollt. "Besucher kommen an dem Thema nicht vorbei", sagt Joachim Fürst, "so animiert man automatisch andere Unternehmen, etwas zu tun."

Dass man sich in Sachen Familienfreundlichkeit nicht verstecken muss, ist auch ein Trumpf bei der Suche nach qualifiziertem Personal. Monika Rödl-Kastl erzählt von einem Fall, wo ein Bewerber absolut überzeugt habe, er jedoch noch ein weiteres Angebot prüfte. "Seine Frau war Hamburgerin und wollte eigentlich gar nicht nach Bayern. Ohne unsere Kinderbetreuung hätten wir den nicht gekriegt, und heute ist er eine unserer Stützen im Bereich Internationales Steuerrecht." Familienfreundlichkeit sei nicht nur ein Beleg für soziale Kompetenz, sondern zahle sich für das Unternehmen auch in barer Münze aus, sagt Dr. Roland Fleck, Leiter des Forums "Wirtschaft und Infrastruktur" der EMN. "Studien belegen, dass familienbewusste Firmen eine um 17 Prozent höhere Mitarbeiterproduktivität aufweisen, die sich unter anderem auf die höhere Motivation der Beschäftigten, geringere Fehlzeiten und eine höhere Bindung von Fachkräften zurückführen lässt."

Welche Last die Unternehmen Mitarbeitern abnehmen, und wie dankbar diese dafür sind, lässt sich manchmal schon an einem Gesicht ablesen, in diesem Fall an dem von Verena Auer. Beschwingt kommt die 37-jährige Siemens-Angestellte in der Mittagspause zur betriebseigenen Sport- und Freizeitanlage, wo 300 Sechs- bis Zwölfjährige im Rahmen der Ferienbetreuung für Mitarbeiterkinder eine Art Olympiade austragen, auch ihr zehnjähriger Sohn Jannick. Weitsprung, Sprint, Seilspringen, dabei sein ist alles - und das gilt hier in doppeltem Sinne, denn die Eltern sind alle berufstätig und wissen so ihr Kind während der schulfreien Zeit gut aufgehoben. Insgesamt 900 Kinder nehmen an der Ferienbetreuung teil. "Ich als Alleinerziehende hätte echt ein Problem, wenn es dieses Angebot nicht gäbe. Denn der Vater holt die Kinder zwar regelmäßig fürs Wochenende, würde sich aber niemals zwei Wochen Urlaub nehmen, um mich in der Ferienzeit zu entlasten." Und die Kinder? Fühlen sich alles andere als einfach nur geparkt: "Die Anmeldung beginnt nicht vor Ostern, aber schon im Februar fragen sie immer: Hast du uns schon angemeldet?"

Erlangen ist mit 23.000 Mitarbeitern weltweit der größte Siemens-Standort. Was Familienfreundlichkeit betrifft, sieht man sich als Flaggschiff für das gesamte Unternehmen. Neben dem Ferienangebot gibt es ständige Betreuungseinrichtungen. Falls Mitarbeiter unvorhergesehene dienstliche Termine wahrnehmen müssen, können sie ihr Kind auch kurzfristig und über Nacht dort unterbringen. Außerdem haben Schulkinder Zutritt zu den Kantinen, können mit dem Elternteil zu Mittag essen. Relativ neu ist die Vertreterbörse, ein Pilotprojekt, bei dem Unternehmen wie Mitarbeiter von Flexibilität profitieren sollen. "Hier können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich eigentlich in der Elternzeit befinden, für eine begrenzte Zeit in Abteilungen mit personellen Engpässen einspringen", sagt Irma Paringer, am Standort Erlangen zuständig für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Wer länger zu Hause bleibt, hat so die Gelegenheit, am Berufsleben dranzubleiben und auch andere Abteilungen kennenzulernen." Für die 39-jährige Diplompädagogin liegt die Verantwortung eines familienbewussten Unternehmens aber nicht nur darin, an Eltern und Kinder zu denken, sondern auch an die Alten. Angehörige werden krank und hilfebedürftig - immer mehr Mitarbeiter geraten in diese Situation. Neben Freistellungsmöglichkeiten setzt Siemens auf Information, hat bereits zwei Vortragsreihen zu Themen wie Pflegeversicherung, Patientenverfügung oder Demenz organisiert, und bald soll eine regelmäßige Sprechstunde in der Mittagspause eingerichtet werden. "Da können dann Mitarbeiter bei Experten Rat einholen, ohne weite Wege machen zu müssen." Wie sich die Generationen helfen, dafür gibt es am Standort Erlangen noch ein anderes Beispiel: Siemens-Pensionäre engagieren sich ehrenamtlich bei der Kinderbetreuung. "Es gibt zum Beispiel zwei ehemalige Ingenieure, die den Kindern Naturwissenschaft und Technik nahebringen", erzählt Paringer. "Dazu gehört auch ein Besuch im Schulungszentrum, in dem unsere medizintechnischen Produkte getestet und den Kunden vorgeführt werden." Ist das nicht zu kompliziert? "Es sind sehr kindgerechte Führungen. Am Computertomografen durchleuchten sie dann zum Beispiel ein Überraschungsei."


Informationen zur Metropolregion Nürnberg
"Europäische Metropolregion Nürnberg (EMN) - Auf dem Weg zur familienfreundlichsten Wirtschaftsregion" ist ein Modellprojekt, das von der EMN, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bertelsmann Stiftung getragen wird. Es läuft von Januar 2009 bis Dezember 2010 und hat zum Ziel, dass sich mehr Unternehmen in der Region für eine Balance von Privat- und Berufsleben engagieren - und Kommunen und Verbände sie dabei unterstützen. Beteiligt sind die Agentur für Arbeit Nürnberg, die Universität Nürnberg-Erlangen sowie zahlreiche Initiativen und lokale Netzwerke. In Seminaren und Workshops zum Thema "Work-Life-Competence" können sich Führungskräfte und Personalverantwortliche schulen lassen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Audit "Beruf und Familie". Hier haben sich bereits 31 Unternehmen der Region mit ihren familienfreundlichen Maßnahmen zertifizieren lassen.

Text: Uwe Rasche. Dieser Beitrag ist zuerst in "change" 3/2009 erschienen, dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.


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Porträt von Birgit Wintermann Birgit Wintermann
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Publikation
Cover des Magazins change 3/2009.

change 3/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

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