"Nicht mehr eine reine Frauen-Angelegenheit"
Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, im Interview
Für Liz Mohn ist schon lange klar: Um Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen, müssen alle in unserer Gesellschaft umdenken. Im Interview mit "change - dem Magazin der Bertelsmann Stiftung" spricht sie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, neue Kommunikations- und Arbeitsformen, die Expertenkommission Familie, die im Jahr 2006 von ihr gegründet worden ist, sowie die "Väterstudie" der Bertelsmann Stiftung.
Was bedeutet für Sie Familie?
Familie, das heißt für mich Geborgenheit, Gemeinschaft, Wärme und so etwas wie Heimat. In lebendigen Familien wird geübt, was für den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt wichtig ist: Fürsorge, Zuwendung, Verantwortung für andere, die Fähigkeit verlässlich zu sein, Bindungen einzugehen und zu pflegen. Kompetenzen, wie wir sie uns nicht nur im Miteinander in der Gesellschaft wünschen, sondern wie wir sie auch in unserer Arbeitswelt benötigen.
Was muss sich in Deutschland ändern, damit es insbesondere die Frauen einfacher haben, Familie und Beruf zu koordinieren?
Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht an einem historischen Wendepunkt. Die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmen zunehmend. Neue Kommunikations- und Arbeitsformen müssen Menschen in Zukunft entlasten. Sie schaffen an vielen Arbeitsplätzen neue Möglichkeiten, um die Vereinbarkeit besser zu leben und flexibel zu sein. Sie dürfen andererseits aber auch nicht überfordern!
Denken Sie, dass die Politik schon genug getan hat, um dieses Ziel zu erreichen?
Familienfreundliche Politik wird vor dem Hintergrund des schon spürbaren Fachkräftemangels zum wichtigen Wettbewerbsfaktor. Sie muss aber auch in der Region politisch unterstützt werden. Immer mehr berufstätige Paare sind im Beruf erfolgreich, wollen aber ihre Kinder auch gemeinsam großziehen. Damit das möglich ist, brauchen sie gute Betreuungsangebote und eine familienfreundliche Infrastruktur: Krippenplätze, haushaltsnahe Dienstleistungen, Notfallbetreuung oder Entlastungen bei der Pflege von Angehörigen. Also eine Infrastruktur, die die neuen Realitäten der Arbeitswelt berücksichtigt.
Was muss sich in den Unternehmen ändern?
Die Anforderungen der Arbeitswelt und die persönliche Lebensplanung müssen besser koordiniert und zusammengebracht werden. Da reicht es nicht aus, flexiblere Arbeitszeiten anzubieten. Unternehmen müssen erkennen, welches Potenzial an Zufriedenheit und Engagement, Kreativität und Motivation verloren geht, wenn sie keine Lösungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Kind und Karriere schaffen. Wichtig ist, dass eine familienbewusste Unternehmensführung in der Kultur des Unternehmens fest verankert ist und vorgelebt wird.
Aber auch die Gesellschaft muss umdenken?
Unbedingt! Aber Veränderungen von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und persönlichen Einstellungen brauchen Zeit. Wenn sich aber starke Partner aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam für Mütter, Väter und Kinder einsetzen, werden wir ein familienfreundliches Deutschland in einem familienfreundlichen Europa erreichen. Deshalb habe ich bereits 2003 mit der damaligen Bundesfamilienministerin Renate Schmidt die "Allianz für die Familie" ins Leben gerufen. Die Fortsetzung der guten Zusammenarbeit mit Ursula von der Leyen hat in einem Verbund kompetenter Partner aus Wirtschaft, Tarifpolitik und den Verbänden zu vielen erfolgreichen Vorhaben geführt. Die Ergebnisse der Väterstudie der Bertelsmann Stiftung zeigten zum Teil erschreckend traditionelle Vorstellungen der jungen Väter.
Was kann man tun, um jungen Männern die Angst vor einer Vaterschaft zu nehmen? Und wie können sie in ihre Rolle als "neue Väter" hineinwachsen?
Den jungen Männern und mit ihnen der ganzen Gesellschaft muss bewusst werden, dass das Thema schon längst nicht mehr allein eine reine Angelegenheit der Frauen ist. Die so genannte "Väterstudie" der Bertelsmann Stiftung hat bestätigt: Über 90 Prozent der befragten jungen Männer bekennen sich offen zu ihrem Kinderwunsch und wünschen sich auch mehr Zeit für die Familie. Aber 75 Prozent der Männer bevorzugen auch nach wie vor das "Alleinernährer-Modell", um der Familie Sicherheit zu geben!
Diese Zahlen haben aber viele überrascht. Hatten Sie damit gerechnet?
Dass die Realität so von den politischen Zielen abweicht, ist tatsächlich alarmierend. Nur: Alarmierend ist auch, dass den jungen Männern laut unserer Untersuchung zahlreiche Erleichterungen für mehr Zeit mit der Familie fehlen. Nur wenige der berufstätigen Väter finden am Arbeitsplatz ausreichend Unterstützungsangebote vor. Gerade gut ausgebildete Frauen in Deutschland bekommen immer weniger Kinder.
Woran, denken Sie, liegt das?
Sie möchten Karriere machen. Sie haben bessere Abschlüsse an Schulen und Universitäten als die Männer. Außerdem besitzen sie ein hohes Organisationstalent und viel Kreativität, sind motiviert und vertreten selbstbewusster ihre Ziele als in der Vergangenheit. Aber: 28 Prozent der Frauen mit Diplom zwischen 40 und 50 Jahren haben keine Kinder. Nach wie vor haben vor allem Mütter schlechtere Aufstiegschancen als ihre männlichen Kollegen. Dabei besitzen sie führungsrelevante Kompetenzen wie gutes Zeitmanagement und Kompromissbereitschaft, die auch in der Arbeitswelt zunehmend gefragt sind.
Potenziale, die oftmals unerkannt bleiben...
---weil viele Arbeitgeber in unserem Land diese Einsicht in ihrer Personalpolitik nicht berücksichtigen. Die Frauenerwerbsquote zum Beispiel in Dänemark, Finnland oder Schweden ist deutlich höher als in Deutschland. Es fehlen einfach flexible Betreuungsangebote und familienfreundliche Rahmenbedingungen. Warum sollten nicht auch Führungskräfte - Männer wie Frauen - zeitweise Teilzeit arbeiten? Längst ist bekannt, dass Teilzeitkräfte im Vergleich wesentlich zielorientierter und effizienter arbeiten. Wussten Sie zum Beispiel, dass Frauen, die Teilzeit arbeiten, gegenüber Frauen, die zu Hause bleiben, um bis zu 24 Prozent weniger krank sind?
Wie können Gesellschaft und Politik dazu beitragen, dass diese "gesunde Balance" ralisierbar ist?
Hier sind konsensorientierte Lösungen zwischen Führung und Belegschaft gefragt. Die Bertelsmann Stiftung setzt daher unter anderem durch ein Mentoren-Programm und das Internetportal "Mittelstand und Familie" neue Akzente. Und um Frauen in Führungspositionen zu fördern, habe ich die Business Women School initiiert, mit einem individuellen Führungstraining für Managerinnen und der Möglichkeit, unternehmensübergreifende Netzwerke zu bilden.
Interview: Karin Schlautmann. Dieses Interview ist zuerst in "change - Das Magazin der Bertelsmann Stiftung", Ausgabe 3/2009 erschienen. Das Magazin können Sie kostenlos bestellen.
Information: Expertenkommission Familie
Die Expertenkommission Familie wurde 2006 von Liz Mohn gegründet. Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft erarbeiten Ideen und Konzepte für eine bessere Balance von Familie und Arbeitswelt. Ihr gehören Vertreter aus Politik, Unternehmen, Gewerkschaften, Kirchen, Medien und Universitäten an, u. a. Prof. Ulrike Detmers, Mitgesellschafterin der Unternehmensgruppe Mestemacher GmbH und Professorin an der Fachhochschule Bielefeld; Prof. Paul Nolte, Professor für Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Freien Universität Berlin; Renate Schmidt, undesfamilienministerin a. D.; Christiane zu Salm, Medienunternehmerin und -managerin, München.
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change 3/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung
Die neue Ausgabe unseres Magazins "change" hat den Schwerpunkt "Familie". Ein Thema, das uns alle berührt und betrifft. Und mit sehr vielen Facetten. Wie werden wir in Zukunft leben und wie unsere Kinder? Wir haben ganz unterschiedliche Aspekte beleuchtet - lassen Sie sich überraschen!
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