"Unternehmenskultur ist kein Schönwetterthema"
Liz Mohn im Interview mit dem Westfalen-Blatt in der Ausgabe vom 13. Februar 2010
Unternehmen sollen sich an Werten orientieren - im Erfolg genauso wie in den Zeiten der Krise. Das sagt Liz Mohn, die starke Frau bei Bertelsmann, im ersten Interview seit dem Tod ihres Mannes Reinhard Mohn. Mit ihr sprach Bernhard Hertlein vom "Westfalen-Blatt".
Westfalen-Blatt: Frau Mohn, als Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft sind Sie nun eine der mächtigsten Frauen in der deutschen Wirtschaft. Ist das auch ein Erfolg der Frauenbewegung?
Liz Mohn: Das Wort Macht bedeutet für mich, etwas zu bewegen, Dinge im positiven Sinne gestalten zu können. Ich freue mich jedenfalls, dass Frauen nun auch Spitzenpositionen übernehmen. Es sind noch zu wenige. Fast die Hälfte der Studenten in Deutschland sind Frauen. Allerdings sind nur etwa zehn Prozent des Top-Managements in der Wirtschaft von Frauen besetzt. Das ist zu wenig. Wir können es uns nicht leisten, so viel Fachwissen ungenutzt zu lassen. Auch deshalb habe ich mit der Bertelsmann Stiftung im vergangenen Jahr die Business Women School gegründet.
Ein Problem ist - auch und besonders für Frauen - die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Vor wenigen Tagen hat die Bertelsmann Stiftung eine Studie zur Familienfreundlichkeit in Ostwestfalen veröffentlicht. Wir leben in einer Region mit einer überdurchschnittlich jungen Bevölkerung. Das bringt Chancen, aber auch Verpflichtungen mit sich. Wird OW den Anforderungen hinsichtlich Kindertagesplätzen, Kindergärten, Schulen und Ausbildungsplätzen gerecht?
Liz Mohn: Ja, aber noch nicht im notwendigen Umfang. Es ist mir ein großes Anliegen, dies zu fördern. Die Studie ist ein Beitrag dazu. Darüber hinaus haben wir Ende 2005 hier in Gütersloh das Projekt "Bündnis für Familie" begonnen. Gemeinsam mit Landrat Dr. Sven Adenauer wurde vieles bewegt. Trotzdem fehlen in Ostwestfalen Kindertagesstätten und andere Einrichtungen, die den Frauen helfen, Beruf, Familie, Partnerschaft und Haus so miteinander zu verbinden, dass kein Bereich zu sehr leidet. Wir brauchen mehr Ganztagesbetreuungen für Kinder - übrigens nicht nur, damit die Frauen ihrem Beruf nachgehen können, sondern auch, weil so die Entwicklung der Kinder optimal gefördert wird. Weiter brauchen wir Dienstleister wie den "Familienservice", der Rat gibt und Unterstützung vermittelt, wenn Hilfe schnell gebraucht wird. Überrascht hat mich das Ergebnis unserer Studie, dass die Versorgung mit Betreuungsangeboten nicht von der finanziellen Situation der Kommune abhängt. Entscheidender sind Kreativität und Kooperationen.
Was tut die Bertelsmann Stiftung für Mitarbeiter in Elternschaft?
Liz Mohn: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch in der Bertelsmann Stiftung ein Schwerpunkt der Personalpolitik. Selbstverständlich bieten wir eine flexible Gestaltung der Tagesarbeitszeit sowie die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit an. Bertelsmann unterstützt in Gütersloh auch Kindertagesstätten. Es gibt Verträge mit dem "Familienservice". In der Stiftung wurde ein Eltern-Kind-Zimmer eingerichtet. Wir helfen nicht nur bei der Organisation der Kinderbetreuung, sondern auch in Fällen, in denen plötzlich ältere Angehörige gepflegt werden müssen.
Zu den Bertelsmann-Werten gehören Verpflichtungen gegenüber Staat und Gesellschaft sowie der soziale Umgang mit den Arbeitnehmern. Die Krise trifft jedoch derzeit die Medienbranche mit besonderer Wucht. Müssen da manche Werte zeitweise zurückstehen?
Liz Mohn: 2009 war ein hartes Jahr. Die Wirtschaftskrise hat ihre Spuren hinterlassen in der ganzen Welt. Aber jetzt ist 2010 - und wir sollten wieder nach vorn schauen und uns auf die Zukunft ausrichten. Um etwas für Staat und Gesellschaft tun zu können, müssen wir natürlich vorher Geld verdienen. Dabei zeigt sich jedoch auch in der Krise, dass Bertelsmann gut bestehen kann, wenn wir unsere Werte einhalten. Unternehmenskultur ist kein Schönwetter-Thema - das gilt für die gesamte Wirtschaft. Was die Arbeit speziell in der Stiftung betrifft, so bilden wir in guten Zeiten Rücklagen, um in schwierigeren Jahren unsere inhaltliche Arbeit fortführen zu können.
Die tradierten Bertelsmann-Werte sind gesellschaftliche Verantwortung, Mitarbeiter-Beteiligung und Delegation von Verantwortung. Möchten Sie dem etwas hinzufügen?
Liz Mohn: Das ist unsere Basis und die ist unverrückbar. Darüber hinaus ist für mich Vertrauen sehr wichtig. Wer nur seinen Egoismus auslebt, macht weder sich noch andere glücklich. Ohne Vertrauen aber kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Vertrauen entsteht durch Achtung vor jedem einzelnen. Der Freiraum für die Mitarbeiter, die gerechte Bezahlung und Gewinnbeteiligung ergeben sich dann von alleine. Wer seine Arbeit freudig ausführt und in ihr einen Sinn sieht, ist sofort motiviert. Unternehmen, die nach diesen Prinzipien arbeiten, erwirtschaften darum nachweislich bessere Ergebnisse.
Ostwestfalen hält starke Stücke auf Bertelsmann. Welche Bedeutung aber hat der Standort für Bertelsmann?
Liz Mohn: Gütersloh ist der Sitz des Unternehmens. Hier schlägt das Herz - und zwar schon fast seit der Zeit Napoleons bis heute. In den 175 Jahren ist die Bindung zwischen dem Unternehmen, seinen Eigentümern sowie der Stadt und den Menschen sehr eng geworden.
Bertelsmann feiert, Sie haben es angesprochen, seinen 175. Geburtstag. Unter welchem Motto wird gefeiert?
Liz Mohn: Das Leitmotiv für dieses Jahr heißt "Bertelsmann - eine Zukunftsgeschichte". Das Jubiläum ist für uns ein schöner Anlass, nach vorn zu blicken. Wir würdigen mit diesem außergewöhnlichen Geburtstag insbesondere die vergangenen sechs Jahrzehnte und das einzigartige Lebenswerk meines Mannes Reinhard Mohn. Bertelsmann feiert 175 Jahre Unternehmergeist, Kreativität, Dezentralität und Freiraum, 175 Jahre Erfolgsgeschichte der Familien Bertelsmann und Mohn, 175 Jahre Verantwortung und Partnerschaft.
Haben Sie jetzt noch genug Zeit, um auch Ihr Werk bei der Deutschen Schlaganfall-Stiftung weiter zu führen?
Liz Mohn: Ich nehme mir die Zeit. Die Aufgabe ist zu wichtig. Wir haben in 17 Jahren viel, aber natürlich noch nicht alles erreicht. Unsere wichtigsten Ziele sind Aufklärung, Prävention und eine schnellere Versorgungskette. Entscheidend sind die ersten Stunden nach dem Auftreten eines Schlaganfalls. Wenn hier nicht richtig behandelt wird, sind die Folgen kaum wieder gut zu machen. Ich selbst habe oft und über Jahre Kontakt zu Schlaganfallpatienten. Es ist erschreckend: Sogar Kinder im Mutterleib können einen Schlaganfall erleiden. In der Nähe von Bremen, im Ort Friedehorst, konnten wir ein Eltern-Kind-Haus für Betroffene Familien einrichten. Ich denke oft an Kira, Jule, Max und Eric und viele andere. Da leiden Kinder oft lebenslänglich unter einer falschen Diagnose. Aber unterstützt durch tapfere Eltern geben sie nicht auf. Wenn ich sehe, wie sie sich ins normale Leben zurückkämpfen, dann lerne ich mehr als an einem Tag hinterm Schreibtisch. Nein, diese Aufgabe hört nicht auf - zumal ich auf starke Unterstützung anderer bauen kann. Dazu zählt meine Tochter Brigitte, die den Vorsitz der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe übernommen hat.















