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Gütersloh, 18.11.2009

Der Sturz eines Zynikers

Blog-Beitrag von Ruth Lande, Teilnehmerin beim Deutsch-Israelischen Young Leaders Austausch

Ein gemeinsames Haus für Deutsche und Israelis: Anlässlich des jüdischen Laubhüttenfestes bauen die Teilnehmerinnen des Young Leaders Exchange eine Sukkah.
Ein gemeinsames Haus für Deutsche und Israelis: Anlässlich des jüdischen Laubhüttenfestes bauen die Teilnehmerinnen des Deutsch-Israelischen Young Leaders Austausches eine Sukkah.
Quelle: Bertelsmann Stiftung

Was ich erwartet habe, während ich am Flughafen in München nach der Gruppe deutscher und israelischer "Young Leaders" Ausschau hielt, weiß ich nicht genau. Die Organisatoren hatten uns mitgeteilt, man habe uns für einen israelisch-deutschen Dialog "ausgewählt" und wir würden alle zusammen eine Woche gemeinsam in Deutschland und, später dann, eine Woche in Israel verbringen. Anscheinend hatte die Bertelsmann Stiftung sich der ehrgeizigen Aufgabe angenommen, junge Deutsche und Israelis dazu zu bringen, das Leben im Allgemeinen und sich gegenseitig im Besonderen weniger zynisch zu betrachten.

Während ich so allein über den Flughafen spazierte, ging ich in Gedanken noch einmal die Gründe durch, warum ich mich für dieses Programm beworben hatte ... Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Wie konnte ich so naiv sein anzunehmen, dass man einen Dialog zur Völkerverständigung zwischen Deutschen und Israelis mit einem eventuell stattfindenden Dialog zwischen Israelis und Arabern und insbesondere mit Palästinensern vergleichen kann? Ist es nicht vielmehr so, dass in beiden Geschichten die historische Bürde der Protagonisten so groß ist, dass es einen überfordert?

Nach einer sehr höflichen Vorstellungsrunde wurden wir zu unserem Bus geführt, und man brachte uns an einen kleinen Ausflugsort etwa eine halbe Autostunde außerhalb von München - oder weniger diplomatisch ausgedrückt: irgendwo ans Ende der Welt. Höflich saßen wir um einen Tisch - Israelis und die Deutsche getrennt voneinander. Wir verbrachten den gesamten Abend damit, uns mit unseren jeweils eigenen Landsleuten bekannt zu machen.

Was wie in Zeitlupe begann, nahm schnell richtig Fahrt auf: Eine Aktivität folgte der nächsten. Von frühmorgens bis spät in die Nacht aßen, sprachen und tanzten Israelis und Deutsche miteinander, nahmen an vermeintlich blödsinnigen Spielen zur Förderung der Gruppendynamik teil und lachten zusammen. Oh ja, wir lachten und lachten und lachten, und jeder Witz war mit einer gehörigen Portion Zynismus gespickt, wodurch uns das Leben und die Stiftung noch viel lustiger erschienen.

Und doch passierte langsam etwas. Die "blödsinnigen" gruppendynamischen Spielchen entwickelten sich zu ernsthafteren Diskussionen, als wir anfingen, nahezu vorbehaltlos über die deutsche Gesellschaft zu reden: die Außenpolitik, die Integration (oder mangelnde Integration) von Fremden, die Struktur und Methodik des deutschen Bildungssystems, die geschichtsbeladene Entstehung eines nationalen Selbstverständnisses und deren Einfluss auf junge deutsche Führungskräfte. Stück für Stück begannen wir, Analogien zu entdecken und die Unterschiede zwischen unseren beiden Gesellschaften herauszuarbeiten. Wir versuchten unermüdlich, die sogenannten "nationalen Besonderheiten" der jeweils anderen Nation in ihrer Komplexität zu verstehen.

Einmal brachte man uns mit etwa 20 Schülern im Alter von 18 bis 20 Jahren in einem Klassenzimmer zusammen. Die Schule lag in einem armen, hauptsächlich von Migranten bewohnten Viertel von Berlin. Einer der deutschen Teilnehmer unserer Gruppe stellte eine sehr simple Frage: "Wer von euch ist Deutscher?" Von 20 Schülern hoben drei die Hand. Dann erzählten wir (die "Young Leaders" und die Schüler) uns alle gegenseitig, wo unsere Eltern und wo wir geboren worden waren. Insgesamt 18 der 20 Schüler sagten, sowohl sie selbst als auch ihre Eltern seien in Deutschland geboren worden.

Als ich wieder auf die Straße vor der Schule trat, spürte ich, dass ich einen zwar kleinen aber dafür wahrhaftigen und bedeutungsvollen Einblick in die deutsche Gesellschaft bekommen hatte - es war tatsächlich ein sehr winziger und unzureichender Einblick, aber trotzdem fühlte ich mich richtig geehrt.

Die israelische Gruppe setzte sich aus aschkenasischen und sephardischen Juden zusammen, aus Müttern und aus Szeneleuten der Nachtclubs von Tel Aviv, aus Juden und aus Arabern. Gemeinsam in der Gruppe näherten wir uns allmählich der schwierigen Frage, wer wir sind und was uns irgendwie alle zu Israelis macht. Die deutsche Gruppe war ebenfalls nicht besonders homogen: Einige waren in Ostdeutschland aufgewachsen, andere hatten schon immer im Westen gelebt. Viele hatten einen konservativen religiösen Hintergrund, andere bezeichneten sich als Atheisten. Einige der Eltern waren in Deutschland und andere waren in der Türkei geboren worden.

Eine unserer ersten Aufgaben hatte darin bestanden, dass jede Gruppe versuchen sollte, der anderen die Besonderheiten und die nationalen Merkmale ihrer Gesellschaft aufzuzeigen. Dies misslang beiden Gruppen jämmerlich, und wir lachten darüber in einem fort. Aber mit jedem weiteren Tag verabschiedete sich der Zynismus und er trat, erst zögerlich und dann aber zunehmend fühlbar, in den Hintergrund.

Wäre es vor gut 60 Jahren vorstellbar gewesen, dass junge zynische Deutsche einen Dialog mit jungen (mindestens) ebenso zynischen Israelis führen und sich quasi ineinander verlieben? Und dass sie eine eigene Plattform für Beziehungen schaffen, die nicht nur aus dem gegenseitigen Respekt für die schmerzhafte Vergangenheit geboren ist, sondern vielmehr aus dem gemeinsamen Streben, eine bessere Zukunft zu gestalten?

Mit einem Augenzwinkern an alle, die meine hier beschriebene Hoffnung belächeln und sie als kindische Naivität abtun, schlage ich vor zu prüfen, welche Möglichkeiten es gibt, ähnliche Rahmenbedingungen für einen Dialog zwischen arabischen und israelischen "Young Leaders" zu schaffen. Dies nicht zu tun, scheint mir eine schier unerträgliche Vorstellung, und wir können heute nur sehr schlecht noch weitere 60 Jahre warten.


Ansprechpartner
Vopel Stephan Vopel
Telefon:
+49 5241 81-81397
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