"Engagement und Initiative älterer Menschen fördern!"
Interview mit Dr. Johannes Meier, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, zur sozialen Teilhabe im Alter
Nicht nur die Zahl der Menschen über 65 wird zukünftig deutlich zunehmen, die Phase des aktiven Altseins dehnt sich auch immer weiter aus und beträgt schon heute nicht selten mehr als 30 Jahre. Auch wenn das Renteneintrittsalter wie geplant auf 67 Jahre erhöht wird, verfügen künftige Rentnergenerationen im Durchschnitt noch über rund ein Viertel ihrer Lebenszeit. Für immer mehr Menschen spielt die Zeit im Alter eine immer größere Rolle in ihrem Leben. Wie sich unsere Gesellschaft verändern wird und auf welche Erfordernisse wir uns einstellen müssen, fragten wir Dr. Johannes Meier, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.
Niemand bezeichnet sich gern als "alt" - immer mehr Menschen werden es. Welches Bild vom Alter hat unsere Gesellschaft?
Johannes Meier: So wenig man von "dem Alter" sprechen kann, so wenig kann man von "den Alten" sprechen. Wenn etwas diese Lebensphase charakterisiert, dann ist es die Heterogenität. Auch wenn die Lebenserwartung ansteigt, sich die materiellen, sozialen, psychischen und gesundheitlichen Ressourcen der älteren Menschen stetig verbessert haben und ältere Menschen heute über ein höheres Bildungsniveau verfügen: Dies sind Durchschnittswerte, die wenig über die konkrete Situation des Einzelnen aussagen.
Monochrome Altersbilder helfen hier nicht weiter - weder in rosarot noch in tiefschwarz. Denn bei genauerer Betrachtung zeigt sich eine deutliche Benachteiligung bestimmter Gruppen. Negative Altersbilder finden sich insbesondere bei jenen Menschen, die unter ungünstigen Bedingungen leben und in ihrer persönlichen Lebenssituation wenig Perspektiven sehen, zum Beispiel bei älteren Menschen mit Migrations-Hintergrund oder älteren Menschen mit einer Behinderung. Alter und Altern werden zudem meist mit Defiziten,Verlusten und Krankheit verbunden, was in dieser Pauschalität die vorhandenen Entwicklungspotenziale im höheren Lebensalter ignoriert.
Wir brauchen also realistische und differenzierte Bilder vom Alter, die mögliche Stärken und Chancen, aber auch Schwächen und Risiken einschließen. Die gesellschaftlichen Altersbilder stellen nicht nur ein "Fremdbild" dar, vielmehr wirken sie auch auf das "Selbstbild" der alten Menschen. All dies findet vor dem Hintergrund des demographischen Wandels statt. Angesichts der veränderten Alterspyramide brauchen wir ältere Menschen in unserer Gesellschaft mehr denn je, wir können auf ihre Erfahrungen und ihr Wissen nicht verzichten. Wir müssen die Älteren in die Gesellschaft, in unsere Lebenswelt und unseren Alltag regelrecht zurückholen und deutlich machen, dass wir sie brauchen. Unsere alternde Gesellschaft wird nur dann eine positive Entwicklung nehmen, wenn sich alle Altersgruppen mit Wertschätzung und Integration aller Lebensalter begegnen.
Bundesweit leben gut 40 Prozent der Bevölkerung ab 65 allein, in Großstädten noch weit mehr. Wie leben diese alten Menschen?
Meier: Dabei handelt es sich zu mehr als 85 Prozent um Frauen, häufig bedingt durch den Tod des Partners. Zunehmend bestimmen aber auch älter werdende Singles den Trend zur Singularisierung des Alters, darunter überdurchschnittlich viele Männer.
Mit knapp 50 Prozent bildet der Zwei-Personen-Haushalt die wichtigste Wohnform im Alter. Der Mehrgenerationen-Haushalt, also das Leben zusammen mit den Kindern, ist dagegen fast zur Ausnahme geworden. Auch neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens älterer Menschen finden sich noch relativ selten. Grundsätzlich bedeutet Alleinleben, überdurchschnittlich häufig auf praktische Unterstützung durch Dritte angewiesen zu sein. Dazu kommt, dass immer mehr Menschen sehr alt werden, über 80, und dann zunehmend Unterstützung benötigen.
In ganz besonderer Weise wird die Lebenslage im Alter von funktionsfähigen Familien- und anderen sozialen Netzwerkbeziehungen bestimmt. Nach wie vor hat die Familie eine zentrale Rolle bei der sozialen Integration sowie der emotionalen und instrumentellen Unterstützung älterer Menschen. Dies zeigt sich am eindrucksvollsten in der häuslichen Pflege: Nahezu drei Viertel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, dabei überwiegend von nahen weiblichen Familienangehörigen. In Heimen werden vor allem Menschen betreut, die keine Kinder oder nur entfernt lebende Verwandte haben. Angesichts des demographischen Wandels werden sich viele dieser Relationen in den nächsten 20 Jahren jedoch deutlich verändern.
Die Unterstützung aus dem familiären Umfeld durch den Ehepartner, Kinder und Enkelkinder geht zurück. Wie sieht die Zukunft aus?
Meier: In den vergangenen Jahren wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem im Kontext von Familiengründung und Kinderbetreuung thematisiert. Wir müssen diese Diskussion und die positiven Erfahrungen zukünftig verstärkt auf den Bereich Hilfe und Pflege übertragen.
Immer mehr Menschen - zumeist Frauen jenseits des 45. Lebensjahres - werden daher Berufstätigkeit und Pflegeverpflichtungen miteinander vereinbaren wollen, jedoch trotz Pflegeversicherung dabei keine ausreichende Unterstützung erfahren. Somit steigt der Bedarf an Diensten, die eine selbstständige Lebensführung der zu pflegenden Angehörigen aufrecht erhält. Diese sozialen und komplementären Dienste sind keinesfalls nur als professionelle Dienstleistungsangebote denkbar, vielmehr gibt es viele gelungene Beispiele, in denen Profis und Freiwillige gemeinsam ein Angebot entwickelt und umgesetzt haben. In diesem Feld wird unsere Gesellschaft mehr aktives freiwilliges Engagement brauchen.
Neben den quantitativen Veränderungen unterliegt das Alter auch einem qualitativen Wandel und wird heterogener. Kann es in Zukunft noch eine einheitliche Altenpolitik geben?
Meier: Der Zuwachs der Lebenserwartung geht für die große Mehrheit mit einer Zunahme der Lebensjahre ohne stärkere gesundheitliche Beeinträchtigungen einher. Diese Lebensphase wird - im Gegensatz zu den heutigen gesellschaftlichen Altenbildern - nicht von gesundheitlichen Einschränkungen und Hilfsbedürftigkeit dominiert. Zahlreiche Menschen in höherem Alter gestalten ihren Alltag aktiv und selbstständig. Auch wenn sich die Sicht auf das Alter zunehmend verändert, so finden sich in vielen Bereichen immer noch einseitig negative Altersbilder.
Komplizierend kommt hinzu, dass sich mit den älter werdenden Migranten und Spätaussiedlern auch die kulturelle Zusammensetzung der Altenbevölkerung verändert. Damit wird es erforderlich, die spezifischen sozialen Probleme und Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppen in der Sozial- und Altenpolitik gesondert zu berücksichtigen. Alter ist eine heterogene Lebensphase und erfordert eine zielgruppenspezifische Altenpolitik. Wie der ehemalige Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf sagt: "Grau ist bunt".
Es ist zu befürchten, dass bestehende gesellschaftliche Benachteiligungen im Alter an Bedeutung gewinnen und soziale Teilhabe und Integration erheblich erschweren. Was muss sich ändern?
Meier: Neben sozialpolitischen Maßnahmen sind Angebote gefragt, die genau auf diejenigen abgestimmt sind, bei denen der Bedarf erkennbar ist - zielgruppenspezifisch, wie eben gesagt. So kann zum Beispiel die Tatsache, dass freiwilliges Engagement bisher in erster Linie in der Mittel- und Oberschicht angesiedelt ist, nicht als mangelndes Interesse oder fehlende Bereitschaft der unterprivilegierten Schichten interpretiert werden. Untersuchungen zeigen, dass sich die Konzeption bestehender Angebote häufig als "Barriere" für eine Teilnahme erweisen. Engagement und Initiative älterer Menschen aus anderen Schichten sollte, wo immer möglich, gezielt gefördert werden. Auch hier gilt: Wir müssen Perspektiven für eine altersintegrierte Gesellschaft entwickeln, in der alle gesellschaftlichen Gruppen eine Chance zur sozialen Teilhabe bekommen.
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Neuerscheinung
Alter neu denken
In diesem Buch geht es um die zentralen Grundlagen einer Politik für ältere Menschen. Der Band bietet zudem einen Überblick über die internationale und nationale Altenpolitik.
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Leben im Alter
Die ehemalige Familien-ministerin und Gerontologin Prof. Ursula Lehr ist Mitglied der Expertenkommission "Ziele in der Altenpolitik" der Bertelsmann Stiftung. Sie gilt als führende Wissenschaft-lerin auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns. Lesen Sie ein Interview mit Prof. Lehr in unserem "forum", dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.















