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Gütersloh, 06.11.2007

Braucht Bildung auch die Religion?

Bertelsmann Stiftung erkundet mit neuer Gesprächsreihe die Dimensionen des Religiösen in der modernen Gesellschaft

Diskussionsteilnehmer und Zuhörer der Podiumsdiskussion in Erfurt.
Podiumsdiskussion in Erfurt: "Braucht Bildung Religion - braucht Religion Bildung?"

Gibt es eine nachhaltige Bildung ohne die Vermittlung von religiösem Wissen oder religiöser Unterweisung? Kann umgekehrt Religion auf die gebildete Persönlichkeit verzichten, braucht sie die Bildung, um nicht in Fanatismus abzugleiten? Und ist religiöse Bildung Privatsache des Einzelnen oder vielmehr ein öffentliches Gut, das der Staat nicht einfach nur den Religionsgemeinschaften überlassen darf? So fragte die Bertelsmann Stiftung im Rahmen eines Podiumsgespräches Experten zu diesem Thema und war erstaunt, welches Interesse diese Fragen heute auslösen können.

Preußenkönig Friedrich II. galt als ausgewiesener Freigeist. Für sein Volk aber befand er, dass es in der Religion unterwiesen werde müsse und zwar "damit die Kanaille pariert". An die Disziplinierungsfunktion von Religion im modernen Staat erinnerte Arnd Brummer, Chefredakteur des evangelischen Magazins "Chrismon" zur Eröffnung einer Diskussion um die Frage, ob im modernen Staat Religion noch Gegenstand allgemeiner oder gar staatlicher Bildung sein sollte. Seine Antwort: "Eindeutig ja", und zwar nicht um der gesellschaftlichen Ordnung oder der Religion willen, sondern für die Menschen und gerade auch in den weitgehend entkirchlichten neuen Bundesländern: "Jeder Mensch hat religiöse Gefühle und Religionsgemeinschaften haben die Aufgabe, ihm Gegenstände zu liefern, an denen er diese religiösen Gefühle festmachen kann."

Die "Nachfrage nach Religion" aber scheint in den vergangenen Jahren wieder gewachsen zu sein. Und auch im Osten Deutschlands verlässt das Thema offensichtlich wieder sein Nischendasein. Über mangelndes Interesse jedenfalls brauchten sich die Veranstalter nicht zu beklagen. Zusammen mit dem Interdisziplinären Forum Religion der Universität Erfurt hatte die Bertelsmann Stiftung ins Erfurter Rathaus zu einer Podiumsdiskussion eingeladen und der Festsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

"Wir stellen in jüngster Zeit einen regelrechten Boom bei der Nachfrage nach kirchlich getragenen Bildungsreinrichtungen fest, gerade auch hier in Thüringen - was kann die Ursache dafür sein?" MDR-Hörfunkchef und Moderator Matthias Gehler ergänzte durch einige Alltagsbeobachtungen aus seinem Sendegebiet und seine Gesprächspartner gaben Antworten aus sehr unterschiedlicher Perspektive.

Religion, so scheint es, wird heute zunehmend wieder als wichtige Dimension gesehen, die für die individuelle Entwicklung von Menschen von großer Bedeutung ist. Aber auch als eine Quelle für den "gesellschaftlicher Kitt", der zunehmend verloren zu gehen droht. Prof. Theresa Wobbe vom Lehrstuhl für Geschlechtersoziologie der Universität Erfurt: "Religion wird heute für den Einzelnen wieder mehr als Ressource von Identität verstanden und ganzheitliche Bildung gesucht, die jenseits des Nützlichkeitsdenkens angesiedelt ist." Dr. Eckhard Nordhofen, Dezernent für Bildung und Kultur des Bistums Limburg, ergänzte: "Die Menschen wollen sich selbst wieder der allumfassenden Verzweckung entziehen und sie verlangen, dass sich Kultur, Bildung und Religion ebenfalls der Verzweckung zu entziehen haben, da sie sie wie Thomas Mann als etwas 'Übernützliches' ansehen, dass es angesichts der Ökonomisierung von Bildung zu schützen gilt." Und für Prof. Maria Widl vom Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Religionspädagogik ist "Kultur ohne Religion einfach nicht denkbar und umgekehrt gehören zumindest die monotheistischen Religionen in den öffentlichen Bereich, weil sie Verantwortung für die Gestaltung von Kultur und Gesellschaft übernehmen." Dabei gehe es auch um die grundsätzliche Frage, was Religion und die Religionsgemeinschaften leisten können, um den Verfall sozialer Beziehungen aufzuhalten.

Weitgehender Konsens also auf dem Podium in der Frage, ob Bildung die Religion braucht. Aber wie gelangt die Religion in unser Schul- und Bildungssystem? Religionspädagogin Widl erinnerte daran, dass "Religion maßgeblich über die Familien weitergegeben wird, und dort, wo sie über die Familien nicht mehr tradiert wird, bekommen auch die Kirchen ein Problem mit der Weitergabe des Glaubens." Können Religionsgemeinschaften das kompensieren, was Familien nicht mehr leisten? Prof. Jamal Malik vom Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt fragte: "Wie reproduziert sich Religion heute in einer Welt, die weitgehend entkirchlicht ist, und muss dies vor allem in Schulen geschehen?" Er verwies dabei auf die muslimischen Religionsgemeinschaften in Deutschland. Hier werde die religiöse Unterweisung schon sehr früh in der Familie geleistet und die Koranschulen dienten mehr der Vermittlung religiöser Praxis als der intellektuellen Unterrichtung. Religiöse Bildung sei damit nicht notwendig an ein System staatlichen Schulunterrichtes gebunden.

Dr. Martin Rieger, Leiter des Stiftungsprojektes "Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft" verwies dabei nochmals auf den Unterschied zwischen Religionskunde und religiöser Bildung, die häufig verwechselt würden. Dabei müssten sich Gesellschaft und Kirchen immer wieder darüber im Klaren sein, was es zu vermitteln gelte: Das Wissen um religiöser Inhalte oder die Vermittlung religiöser Werte, Überzeugungen und Haltungen.

Den weitgehenden Konsens auf dem Podium mochte so mancher Zuhörer im Publikum nicht unbedingt teilen. Stellvertretend formulierte Prof. Eberhard Tiefensee, Professor für Philosophie an der Universität Erfurt, seine Bedenken, dass keine Vertreter mit nichtreligiöser Einstellung in einen derartigen Disput mit einbezogen worden seien: Denn sie hätten wahrscheinlich sehr interessante und kontroverse Beiträge zu diesem Thema geliefert.

Martin Rieger, Projektleiter der Bertelsmann Stiftung, nahm diese Kritik als Ansporn. "Wir wahren selbst überrascht, welches allgemeine Interesse wir zum Start dieser Gesprächsreihe gerade auch in Thüringen vorgefunden haben." Es sei ein Kernanliegen des Projektes, gerade auch die Sichtweise aufzugreifen, mit der nicht religiös gebundene Menschen diese Themen wahrnehmen. "Für uns bestätigt sich hier ein Trend, der in der Bertelsmann Stiftung schon seit längerem festgestellt wird: Religion scheint ihr Tabu-Milieu wieder zu verlassen und für den öffentlichen, kontroversen Disput zugelassen zu sein. Wir werden den Faden aufgreifen und diese Reihe zu unterschiedlichen Aspekten des Religiösen fortsetzen."

Rieger verwies in diesem Zusammenhang auf den ersten internationalen Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, der erstmals im Dezember veröffentlicht werden soll. Aus der repräsentativen Erhebung werde praktisch "seismographisch" gemessen die Entwicklung des religiösen Bewußtseins der Gesamtbevölkerung in West- und Ostdeutschland auch im internationalen Vergleich deutlich werden.


Ansprechpartner
Porträt von Ferdinand Mirbach Ferdinand Mirbach
Telefon:
+49 5241 81-81223
Weitere Ansprechpartner

Matthias Jäger Norbert Osterwinter

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