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Gütersloh, 03.03.2010

Licht und Schatten der globalisierten Welt

Interview mit Klaus-Peter Siegloch, Leiter des ZDF-Büros New York und Mitglied im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung

Klaus-Peter Siegloch, Leiter des ZDF-Büros New York und Mitglied im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung
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Klaus-Peter Siegloch leitet das ZDF-Studio in New York und lebte bereits in den Neunzigern einige Jahre in den USA.

Mitte der Neunziger sah es noch so aus, als ob die USA die großen Gewinner der Globalisierung wären. Doch ZDF-Korrespondent Klaus- Peter Siegloch erlebt heute ein weitaus nachdenklicheres Amerika. Als Klaus-Peter Siegloch von 1995 bis 1999 zum ersten Mal als Korrespondent in Amerika war und das ZDF-Studio Washington leitete, war die Globalisierung noch in ihrer Anfangsphase. Im Juni 2007 ging er erneut in die USA, war zuerst in Washington und leitet seit Ende 2008 das ZDF-Büro New York. Fünfzehn Jahre, in denen sich einiges verändert hat - wir fragten den TV-Journalisten, der zugleich auch Kuratoriumsmitglied der Bertelsmann Stiftung ist, nach der Stimmung der US-Bürger.

Wie spürt man heute die Globalisierung?
Ich glaube, dass sie noch stärker als früher in das Leben der Amerikaner eingegriffen hat, ohne dass sie es bewusst gespürt haben. Es ist heute nicht mehr möglich, in ein Geschäft zu gehen, ohne von Produkten der Globalisierung umringt zu sein. Das ist noch sehr viel stärker als in den Neunzigerjahren geworden.

Fühlen sie sich dennoch als Gewinner?
Das Gefühl, ausschließlich Gewinner der Globalisierung zu sein, war in den Neunzigerjahren noch stark vertreten. Das lag daran, dass es den Dotcom-Boom gab, der sich später als Internet-Blase herausstellte. Microsoft stand dafür als Symbol, aber auch viele andere, die auf der ganzen Welt damit sehr viel Geld verdient hatten. Diese Euphorie, die neuesten und besten IT-Produkte der Welt zu haben, hat der Globalisierung einen positiven Anstrich gegeben. Da gibt es heute mehr Skepsis.

Weil eigene Produkte an Bedeutung verlieren?
Die berühmte Levi's-Jeans... Auf der einen Seite sind die Amerikaner stolz auf ihre Produkte. Nur: Sie haben die Levi's schlichtweg nicht mehr gekauft. Einerseits, weil Levi's die Trends der Zeit verpasst hat, andererseits, weil sie auf amerikanischem Boden nicht mehr wirtschaftlich hergestellt werden konnte. Ich war an der Grenze zu Mexiko in einem Werk, in dem noch einige wenige teure Jeans hergestellt wurden. Gleich hinter der Grenze war die nächste Fabrik - dort wurde die Massenware produziert. Und selbst das wurde schnell zu teuer. Heute wird in China gefertigt.

Das Ende eines Traums?
Ich weiß nicht, ob die Amerikaner wirklich Träume mit der Globalisierung verbinden. Sie ist ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens geworden. Noch stärker als in anderen Teilen der Welt wird hier gekauft, was preiswert ist. Wenn Freizeitkleidung zu Billigpreisen verkauft wird, müsste jedem Amerikaner klar sein, dass man das nicht zu Löhnen von hoch entwickelten Industrieländern produzieren kann. Das Unbehagen ist erst gewachsen, als es in die industriellen Kernbereiche ging.

Der Niedergang der Automobilindustrie...
Das war eine langfristige Entwicklung, bei der Länder wie China bis heute keine entscheidende Rolle spielen. Aber es sind Exporte aus anderen Ländern gekommen, hochwertige aus Europa, preiswerte aus Korea. Das hat gerade in den Staaten des mittleren Westens zu katastrophalen Verhältnissen geführt. Ein Werk nach dem anderen ist geschlossen worden. Wenn es im Zuge der Globalisierung Träume gab, mischen sich in die jetzt auch Albträume, weil die eigene industrielle Zukunft in vielen Bereichen infrage gestellt wird. Das ist ein Teil der Probleme, die Obama jetzt hat.

Gleichzeitig wäre aber die Wahl Barack Obamas ohne die Entwicklung der letzten zehn Jahre nicht denkbar gewesen?
Die amerikanische Gesellschaft hat sich sehr verändert in all den Jahren, sie ist offener geworden. Zugleich bekamen die Amerikaner das Gefühl, dass ihre Welt nicht mehr so sicher ist. Obama hat ihnen durch seinen Wahlkampf das Gefühl gegeben, dass er sie sicher durch diese Phase des Wandels leiten kann. Er ist ein Symbol für jemanden, der mehrere Kulturen in sich vereint. Inzwischen jedoch gibt es eine gewisse Ernüchterung und den Menschen wird klar, dass auch er nicht zaubern und auf der Stelle fünf Millionen Arbeitsplätze schaffen kann. Obamas große politisch-intellektuelle Leistung war es, den Amerikanern im Wahlkampf zu sagen, dass sie nicht mehr so weitermachen können wie bisher. Zum Beispiel im Bildungsbereich.

Was müsste sich ändern?
Das amerikanische Bildungssystem zerfällt in zwei große Bereiche: Der eine ist die Spitzenbildung, Universitäten mit Weltruf und Spitzenforschung, die die besten Köpfe der Welt anziehen. Der andere ist ein Bildungssystem, in dem viele nicht einmal vernünftig lesen, schreiben und rechnen können, wenn sie die Schule verlassen. Dieser zweite Teil ist der reformbedürftige. Denn: Um Amerikas Wirtschaft für die zukünftige Entwicklung in der Globalisierung fit zu machen, müssen die Amerikaner besser ausgebildet sein. Nur gut ausgebildete Arbeitnehmer werden eine Chance haben, zu einem vernünftigen Lohn beschäftig zu werden. Das sind Diskussionen, wie wir sie in Deutschland auch gehabt haben, nur haben wir den Vorteil, relativ gut ausgebildete Facharbeiter zu haben.

Ist die Bereitschaft da, aus positiven Beispielen anderer Länder zu lernen?
Da ist Amerika gespalten. An der West- und Ostküste gibt es natürlich den Blick nach Europa und nach Asien. Aber es sind große Bereiche Amerikas, die auf sich selber schauen und keine Perspektive auf die Welt haben. Das merkt man unter anderem an der Diskussion um die Krankenversicherung, die Amerika ja gerade sehr beschäftigt. Jeder Europäer, der hier in den Staaten lebt, sagt, dass sie ein absolutes Muss ist. Hier in Amerika ist es ein Thema, das die Nation spaltet. Ein großer Teil der Amerikaner ist nicht be-reit, etwas an der Situation zu verändern. Da kommt diese amerikanische Ur-Philosophie wieder mit ins Spiel: Jeder ist für sich selbst verantwortlich!

Sehen Sie Amerika in Sachen Globalisierung an einer Art Scheideweg?
Nein, den Amerikanern ist klar, dass es keine Alternative gibt. Sie wissen, dass sie nicht aus der Globalisierung aussteigen können. Wenn alles das, was heute in Billiglohnländern hergestellt wird, plötzlich wieder im eigenen Land produziert werden müsste, könnte sich das niemand leisten. Nur der Blick ist ein anderer geworden, nachdem man weiß, wie schnell die Globalisierung auch Jobs kosten kann. Die Amerikaner haben den großen Vorteil, dass sie sich auch in Krisensituationen nicht zu sehr durch negative Gedanken aufhalten lassen. Wie präsent die Globalisierung übrigens ist, sieht man am Bau des neuen World Trade Towers.

Warum?
Er ist ein Symbol für Amerika - allerdings: Der neue World Trade Tower wird sein gesamtes Glas aus China beziehen. Auf den ersten Blick eine absurde Situation, aber zugleich ein Symbol. Der World Trade Tower ist eine Demonstration des amerikanischen Überlebenswillens nach dem schrecklichen Anschlag - und zugleich auch wieder ein Symbol der Globalisierung.


Interview: Tanja Breukelchen. Dieses Interview erscheint im März 2010 in "change - Das Magazin der Bertelsmann Stiftung", Ausgabe 1/2010. Das Magazin können Sie kostenlos bestellen.


Vita: Klaus-Peter Siegloch 
Klaus-Peter Siegloch, 1946 in Hamburg geboren, studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaft und arbeitete von 1973 an beim NDR. 1987 wechselte er zum ZDF. 1991 wurde er Leiter des ZDF-Studios Bonn. 1992 übernahm er außerdem die Aufgabe des stellvertretenden Chefredakteurs. 1994 wurde er Studioleiter in Washington. Von 1999 bis 2002 moderierte er als Anchorman die 19 Uhr "heute"-Nachrichten. Von 2003 bis 2007 war er stellvertretender ZDF-Chefredakteur und Leiter der ZDF-Hauptredaktion "Aktuelles", sowie Moderator des "heutejournals". 2007 übernahm er erneut die Leitung des ZDF-Studios Washington. Zuletzt wechselte er nach New York und leitet dort seit Dezember 2008 die Außenstelle des ZDF. Klaus-Peter Siegloch ist Mitglied des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung.


Ansprechpartner
Porträt von Ulrike Osthus Ulrike Osthus
Telefon:
+49 5241 81-81123
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change 1/2010, Schwerpunkt: Globalisierung

Für diese Ausgabe von "change" waren wir auf fast allen Kontinenten, trafen Menschen und lernten ihre Erfahrungen mit der Globalisierung kennen. Die Globalisierung stellt uns vor große Herausforderungen, aber sie eröffnet auch Chancen auf ein neues und anderes Leben.

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