Gunter Thielen: Soziale Gerechtigkeit braucht Bildungschancen
Die soziale Marktwirtschaft hat sich nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung bewährt, muss aber neu definiert werden. "Wir erleben heute wieder ein Auseinanderdriften der Gesellschaft in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gunter Thielen, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Ich denke, man muss über Dinge wie eine Grundversorgung nachdenken, über Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit in der Bildung."
Misstrauen gegen Politik und Wirtschaft
Trotz einer gewissen Renaissance der sozialen Marktwirtschaft: "Das Vertrauen der Menschen in Politik und Wirtschaft ist in der Krise geschwunden. Die Banken haben unseriöse Produkte auf den Markt gebracht, die niemand verstanden hat und enormes Geld gekostet haben", kritisierte Thielen. Dieses Vertrauen sei auch nicht zurückgekehrt. "Insgesamt haben wir aber immer noch eine Vertrauens- und Nachhaltigkeitskrise."
"Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten Jahren weiter geöffnet. Besonders in der Mittelschicht, die Deutschland immer getragen hat, bröckeln die Ränder ab", stellte Thielen fest. "Immer mehr Menschen fallen aus dem System heraus." Ihnen fehle die Zukunftsperspektive. "Der Schlüssel dazu ist langfristig betrachtet Chancengleichheit in der Bildung. Ohne gute Bildung haben gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern keine Chance in ihrem Leben."
Zukunft der Bildung
"Wir brauchen ein von Allen getragenes Bildungssystem", forderte der Stiftungschef. "Eins, in dem Leistung und Gerechtigkeit kein Widerspruch sind. Eins, in dem wir die Schwachen stärken ohne die Starken zu schwächen." Dafür müsse das alte System an manchen Stellen erneuert werden. "Es ist auch nicht sinnvoll, dass wir 16 verschiedene Schulbücher in Deutschland haben und das Abitur im Süden schwerer ist als im Norden. Wir können doch nicht zulassen, dass 20 Prozent unserer Schüler mit 15 Jahren kaum auf Grundschulniveau Lesen und Rechnen können oder dass über 40 Prozent der Migrationskinder keinen Berufsabschluss haben. Das darf doch alles nicht wahr sein."
"Da fehlt der Wille", warf Thielen der Politik vor. "Statt über Kompetenzen und Strukturen in der Bildungspolitik zu streiten, sollten wir uns lieber auf die Inhalte der nötigen Reform konzentrieren." Deutschland habe früher ein vorbildliches Schulsystem gehabt. Das sei zwar nicht unbedingt schlechter geworden, aber die Anforderungen seien heute viel größer und die anderen Länder viel besser geworden. "Das müssen wir wieder aufholen. Wenn wir nicht mehr die am besten ausgebildeten Köpfe haben in Deutschland, dann können wir überall die Tür zusperren. Was haben wir dann noch?"
Gespräch: Matthias Benirschke, dpa
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