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Gütersloh, 22.09.2009

Herausforderungen: Vertrauen, Nachhaltigkeit und Steuerung

Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung über drei wichtige Veränderungsschritte für Deutschland nach der Krise

Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.
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Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, möchte über ein Umdenken in unserem Land diskutieren.

Die Globalisierung hat die Welt, die Arbeitsbeziehungen und das Leben von uns allen in den letzten Jahren stark verändert. Dieser Wandel hat viele Menschen verunsichert. In Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, ist die Angst der Menschen gewachsen, an den neuen Chancen und Möglichkeiten nicht teilhaben zu können.

Diese Ängste, Sorgen und Nöte haben sich in den vergangenen Monaten noch verstärkt. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Verunsicherung vieler Menschen vergrößert und einschneidende Konsequenzen spürbar gemacht. Die bedrohlichen Elemente der Globalisierung für die Weltwirtschaft haben an Gewicht gewonnen. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen kann ich diesen Eindruck teilen. Die Krise hat noch einmal die Notwendigkeit gezeigt, nun an vielen Stellen gesellschaftspolitische und ökonomische Veränderungen wirklich anzugehen.

Im Rahmen unserer Stiftungsarbeit, aus vielen Gesprächen mit Bürgern, Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern haben sich drei Probleme herauskristallisiert. Über diese Herausforderungen wollen wir einen breiten öffentlichen Dialog führen, um konkrete Veränderungsschritte zu initiieren:

- Vertrauen muss wieder eine verlässliche Grundlage zwischen Individuen und Gesellschaft werden;
- Beziehungen und Prozesse müssen stärker auf eine soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtet werden;
- gerade in einer globalisierten und verunsicherten Welt brauchen wir wirksamere Steuerung und klarere Rahmenbedingungen.

In kleinräumigen gesellschaftlichen Strukturen bildet Vertrauen einen ganz zentralen Baustein für das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten. Ohne Vertrauen geht nicht viel. Aber auch in einer globalisierten Welt brauchen Menschen und Märkte Vertrauen. Und schwindendes Vertrauen ist sicherlich zumindest ein Bestandteil der weltweiten Finanzkrise. Vertrauen kann man nicht kaufen. Es muss sich vielmehr entwickeln, über die Zeit und das gemeinsame Zusammenwirken.

Der Aufbau von Vertrauen funktioniert in der modernen Welt durch transparente Strukturen und Angebote und durch ein klares Regelwerk. Was wir brauchen, sind nicht unbedingt mehr Informationen, sondern ein Mehr an Klarheit: Was ist in meinen Lebensmitteln, welches Risiko gehe ich bei der Geldanlage ein, welches ist der beste Job für mich, und wo bekomme ich eine passende ärztliche Behandlung? Klarheit verschafft uns Orientierung und Urteilsfähigkeit.

Vertrauensbruch hat unmittelbare und direkte Folgen. Wer nicht einhält, was er versprochen hat, ist unglaubwürdig und sollte dafür geradestehen und haften. Ohne ein verlässliches Haftungsrecht, das schnell greift, findet Vertrauen in entwickelten Gesellschaften und Ökonomien nicht statt.

Der Versuch, Vertrauen als wichtige Klammer wieder zu stärken, ist natürlich auch ein Einstieg in die wichtige Debatte um Werte in unserer Gesellschaft. Hier brauchen wir eine Verständigung darüber, welche Eigenschaften unser Zusammenleben in Zukunft prägen sollen.

Steigende Renditen, höhere Wachstumserwartungen und immer größere Boni-Zahlungen waren an vielen Stellen scheinbar die alleinigen Antriebskräfte der Wirtschaft. In der Gesellschaft wurden Herausforderungen wie die Integration von Menschen aus anderen Ländern, ein förderndes Bildungssystem oder der Übergang ins Berufleben nicht mit der notwendigen Intensität bearbeitet. Auf allen Ebenen stehen kurzfristige Strategien im Mittelpunkt, die eine Nachhaltigkeit in der Entwicklung blockieren.

Was wir brauchen, ist die Abkehr von der hektischen Suche nach dem nächsten "quick win". Dauerhafte Erfolge muss man sich hart erarbeiten. Das ist sicherlich mühseliger und weniger prestigeträchtig, es schafft aber eine solide Grundlage für wirksame Veränderungen und ein gesichertes Wachstum.

Wenn man den Mut und die Kraft aufbringt, einen solchen langen Weg zu gehen, dann können am Ende die Erfolge auch ziemlich cool aussehen. Skandinavien ist seit Jahren ein Vorreiter für ein früh einsetzendes und integriertes Bildungssystem, das alle Schüler mitnimmt und sie top ausgebildet entlässt. Apple ist ein Beispiel dafür, wie man auch als Unternehmen nachhaltig und mit langem Atem Produkte entwickeln und dabei trotzdem wirtschaftlich sehr erfolgreich agieren kann. Dass Genuss, Ökologie und Wachstum keine Gegensätze sind, zeigt Bionade mit ihrem Erfrischungsgetränk. Nachhaltigkeit ist eine gute Strategie, die viele Gesichtspunkte mit einbezieht und die Menschen als Bürger oder als Kunden in den Mittelpunkt stellt.

Nachhaltigkeit könnte für Deutschland zu einem überzeugenden und erfolgreichen Markenkern werden. Erfindergeist und Ingenieurskunst auf der einen Seite und weitreichende politische Verantwortung für alle Bürger auf der anderen Seite - ein spannendes und zukunftssicheres Modell.

Für gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen ist es ein kontinuierlicher Prozess, die richtige Balance aus Freizügigkeit und Steuerung zu finden. Ein so vielfältiges Zusammenspiel von Ländern und Kräften wie bei der Globalisierung kann nicht einfach nur dem Primat der Stärksten und Leistungsfähigsten unterworfen werden. Die Finanzmarktkrise hat sehr eindrucksvoll gezeigt, wohin die Weltwirtschaft getrieben wird, wenn Zügellosigkeit und reines Profitstreben die Oberhand gewinnen. Dies war und ist auch eine Krise der Ordnungsstrukturen; es wäre deshalb falsch, sich möglichst schnell und ohne Veränderungen in den nächsten Aufschwung zu retten. Mehr Global Governance zwischen Nationalstaaten und unabhängigen Organisationen ist zur Lösung dieser Herausforderungen gefordert.

Grundvoraussetzungen für funktionierende Steuerungssysteme sind klare Zielsetzungen, die Bereitschaft zur Führung und die Akzeptanz aller Akteure. Zu einer neuen Ausrichtung von Gesellschaft und Ökonomie gehört es, den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Wünschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Ganz eng damit verknüpft ist der Wiederaufbau von verlorengegangenem Vertrauen. Die langfristige und dauerhafte Ausrichtung von Entscheidungen und Entwicklungen ist ebenfalls von großer Wichtigkeit. Auf der Grundlage eines solchen Wertekanons brauchen wir Frauen und Männer, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, für Positionen einzustehen und diese am Ende auch umzusetzen. Für eine solche Rolle braucht man Mut, aber auch den Willen zur Gestaltung und ein großes Durchhaltevermögen. Steuerung funktioniert in der Demokratie und in der Wirtschaft nur, wenn man den Menschen die Ziele und den Weg erklärt und sie ihn anschließend überzeugt mitgehen.

Vielleicht kann Deutschland auch hier - wie in der Vergangenheit bei der sozialen Marktwirtschaft - wieder eine Vorreiterrolle übernehmen.

Wir möchten gern mit Ihnen in die Diskussion eintreten und gemeinsam weiter an der Perspektive 2020 für Deutschland arbeiten. Ich würde mich sehr über Ihre Einschätzungen, Ideen und Vorstellungen freuen. Schicken Sie mir Ihre Meinung: g.thielen@bertelsmann-stiftung.de.

von Dr. Gunter Thielen


Der Beitrag von Dr. Gunter Thielen ist zuerst in "change" 3/2009 erschienen - dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.


Publikation
Cover des Magazins change 3/2009.

change 3/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung

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