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Kulturelle Konflikte treten häufiger auf – der ‚Kampf der Kulturen’ findet trotzdem nicht statt

Empirische Studie der Bertelsmann Stiftung: Kulturelle Faktoren verstärken oftmals Konflikte, sind aber zumeist nicht die eigentliche Ursache

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Die Anzahl der Konflikte, in denen kulturelle Faktoren thematisiert werden, hat in den vergangenen 25 Jahren deutlich zugenommen. Dies bezieht sich aber ganz überwiegend nur auf innerstaatliche Konflikte. Kulturelle Auseinandersetzungen zwischen Staaten, also jene Form des „Clash of Civilizations“, die Huntington überspitzt als die bestimmende Problemlage der internationalen Beziehungen am Ende des 20. Jahrhunderts herausstellte, sind numerisch betrachtet dagegen ein Ausnahmephänomen. Sobald Kultur in global bedeutsamen Konflikten eine Rolle spielt, sind diese besonders anfällig für Gewalt. Kulturelle Faktoren sind schließlich keine Mastervariablen, die gleichsam „im Alleingang“ das weltweite Konfliktgeschehen erklären können. Da Konflikte komplexer Natur sind, erweisen sich verschiedenste Erklärungsfaktoren als bedeutsam. Hochgradig erklärungsbedürftig für innerstaatliche Konflikte ist die Wechselwirkung zwischen sprachlicher Fragmentierung und einem hohen Überschuss junger Männer im Alter 15 bis 24. Dies sind wesentliche Ergebnisse einer umfangreichen empirischen Studie der Bertelsmann Stiftung über die Rolle von Kultur in weltweiten Konflikten.

Als Grundlage der Studie diente eine Auswertung aller seit dem Jahre 1945 weltweit registrierten Konflikte und die Bewertung ihrer Ursachen und Intensität durch Konfliktforscher der Universität Heidelberg. Danach hat die Anzahl der kulturell bedingten Konflikte im Verlauf der letzten Jahre sprunghaft zugenommen und erreicht gegenwärtig einen vorläufigen Höhepunkt. Seit etwa Mitte der 80er Jahre übersteigt dabei die Anzahl der Kulturkonflikte sogar die Summe der nichtkulturellen Konflikte. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben vor allem religiös thematisierte und historizitäre, also Konflikt- und Herkunftsgeschichte in den Mittelpunkt rückende Konflikte auf innerstaatlicher Ebene zugenommen, wie in etwa im ehemaligen Jugoslawien, im südlichen Kaukasus oder auf Sri Lanka. Während bei nichtkulturellen Konflikten die Zahl der Auseinandersetzungen und das gemessene Konfliktniveau abnehmen, zeigen kulturelle Konflikte ein umgekehrtes Muster: Danach werden die kulturell bedingten  Konflikte besonders gewaltsam und auf den höchsten Intensitätsstufen ausgetragen.

Dabei zeigte  sich aber auch, dass kulturelle Konflikte vor allem innerhalb von Staaten auftreten und nur selten zwischen verschiedenen Staaten zu beobachten sind. So sind vier von fünf kulturellen Konflikten ausschließlich innerstaatliche Phänomene. „Für den von vielen prognostizierten `Zusammenprall der Kulturen´ wie der des Westens mit dem Islam finden wir in den Datensätzen der Universität Heidelberg keinen Beleg,“ folgert daraus Malte Boecker, Senior Expert der Bertelsmann Stiftung.

Weitere Ergebnisse der Studie betreffen den Zusammenhang zwischen der kulturellen Struktur eines Landes oder einer Region und dem Auftreten kultureller Konflikte. Als zentrales Ergebnis der Analyse zeigt sich, dass mit dem Grad der kulturellen Zersplitterung von Gesellschaften die Wahrscheinlichkeit von innerstaatlichen kulturellen Konflikten aber auch von zwischenstaatlichen internationalen Auseinandersetzungen ansteigt.

Gleichzeitig kann die Studie aber auch nachweisen, dass kulturelle Strukturen nicht die alleinige oder wichtigste Ursache darstellen. So zeigen sich andere Faktoren als erklärungskräftiger. Insbesondere ein sehr hoher Anteil an männlichen Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder in einem Land im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (Youth Bulge) erhöht durchgängig die Wahrscheinlichkeit von Konflikt. Andere Faktoren sind vor allem das Maß an Unterentwicklung, ein geringes Wirtschaftswachstum, die Menge der zur Verfügung stehenden Agrarfläche oder das Niveau der Demokratisierung in einer Gesellschaft. Als eine besonders kritische Konstellation sieht die Studie insbesondere einen hohen Anteil männlicher Jugendlicher und die sprachlicher Zersplitterung in einem Land. Sind beide Faktoren besonders hoch ausgeprägt, erhöht dies insbesondere die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von besonders gewaltintensiven kulturellen Konflikten. „Kulturelle Faktoren und Strukturen müssen in Konflikten sehr ernst genommen werden, weil sie instrumentalisiert werden und den Konfliktverlauf deutlich beeinflussen können“, kommentiert Malte Boecker von der Bertelsmann Stiftung.

Nicht bestätigen konnte die Studie dagegen die Annahme, dass es einen  direkten Zusammenhang zwischen dem Grad der religiösen Zersplitterung und der Anzahl von Konflikten gibt. Hier zeigten sich die besonders fragmentierten wie auch die religiös sehr homogenen Gesellschaften relativ konfliktarm.

Trotz der deutlichen Zunahme an kulturellen Konflikten kommen die Autoren der Studie trotzdem nicht zu einer pessimistischen Prognose. „Gemessen an der Zahl der potenziellen Konfliktlinien kann die Anzahl der tatsächlichen gewaltsamen Konflikte insgesamt als verschwindend gering bezeichnet werden“ äußert sich Prof. Aurel Croissant von der Universität Heidelberg zu den Befunden der Studie. Außerdem sei aus dem Vergleich unterschiedlicher Gesellschaften kein Automatismus zwischen kultureller Fragmentierung, Konflikten und Gewalt erkennbar: „Keine einzige vorstellbare kulturelle Zusammensetzung  einer Gesellschaft  muss zwangsläufig zum Konflikt oder gar zur Gewalt führen. Kulturelle Prägung mag Schicksal sein, kulturelle Konflikte sind es nicht.“

Über die Studie:
Die Kurzstudie „Kultur und Konflikt in globaler Perspektive“ beruht auf einer umfassenden empirischen Untersuchung, die die Bertelsmann Stiftung beim Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg in Auftrag gegeben hat. Für die Untersuchung wurde ein theoretisch fundiertes Konzept kultureller Konflikte entwickelt. Auf dieser Basis wurden über 762 in der CONIS Datenbank erfasste politische Konflikte aus der Zeit von 1945 bis 2007 ausgewertet und durch qualitative Fallstudien vertieft. Die Studie und die aus ihr folgenden Erklärungen sind als Beitrag und Instrument zur Weiterentwicklung des Internationalen Kulturdialogs gedacht.


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