Direktlink:
Inhalt; Accesskey: 2 Hauptnavigation; Accesskey: 3 Servicenavigation; Accesskey: 4
Platzhalterbild
Gütersloh, 10.09.2010

Muslime können gute deutsche Staatsbürger sein

Interview mit Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, zum Thema Integration

Dr. Jörg Dräger
Icon Vergrößerung
Vorstandsmitglied Dr. Jörg Dräger über das Thema Integration aus Sicht der Bertelsmann Stiftung
Bildquelle: Thomas Kunsch, Bielefeld

Seit Erscheinen von Thilo Sarrazins umstrittenen Werk "Deutschland schafft sich ab" diskutiert die Öffentlichkeit intensiv über die Integration von Zuwanderern in Deutschland . Aus Sicht der Bertelsmann Stiftung, die sich in zahlreichen Projekten mit diesem Thema beschäftigt, läuft die Diskussion an vielen Stellen in die falsche Richtung. Im folgenden Interview gibt das zuständige Vorstandsmitglied, Dr. Jörg Dräger, Auskunft über den Stand der Integration in Deutschland und beschreibt Anforderungen an die nächsten Schritte.

Herr Dr. Dräger, was ist in Deutschland in Sachen Integration schiefgelaufen?
Deutschland hat das Thema über Jahrzehnte verschlafen. Wir waren faktisch ein Einwanderungsland, wollten es aber nicht sein und haben deswegen die Augen davor verschlossen. Für Teile der Bevölkerung gilt dies auch heute noch. Viele Integrationsprobleme von heute, vor allem am Arbeitsmarkt und im Bildungssystem, sind die Konsequenzen aus den Versäumnissen von gestern.

Erst Ende der 90er Jahre ist die Politik aufgewacht, Rot-Grün hat den Anfang gemacht: im Jahr 2000 wurde das Staatsbürgerschaftsrecht geändert, sodass Kinder, die im Land geboren wurden, endlich nicht mehr automatisch "Ausländer" waren. Die große Koalition hat den Kurs fortgesetzt: Die Integrationsbeauftragte wurde zur Staatsministerin, es wurden Integrationsgipfel und die Islamkonferenz ins Leben gerufen und ein nationaler Integrationsplan verabschiedet. Auch Schwarz-Gelb setzt diesen Kurs fort. Die Politik hat also lange vor Sarrazin erkannt, welche Bedeutung das Thema Integration gewinnt - und dass wir es auf dem Gebiet einiges nachzuholen haben.

Und eines muss man auch klar sagen: Heute ist Abwanderung, nicht Einwanderung unser größeres Problem. Seit zwei Jahren verlassen mehr Menschen Deutschland als zuwandern, und unser Land schrumpft dadurch noch schneller. So werden wir weder unseren Wohlstand noch unsere Sozialsysteme erhalten können.

Was bedeutet Integration wirklich? Was können wir von Menschen fordern, die in unserem Land leben wollen?
Wir können und sollten das fordern, was wir von allen anderen auch fordern, die schon immer im Land wohnen: Respekt vor den Gesetzen, dem Gewaltmonopol des Staates und den Werten der Verfassung; Steuern zu zahlen und sich anzustrengen, für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen zu können; dafür zu sorgen, dass die eigenen Kinder gut Deutsch sprechen und die bestmögliche Bildung erhalten.
 
Aber auch die aufnehmende Gesellschaft muss sich ändern. Beispielsweise müssen sich Kindergärten und Schulen auf Kinder einstellen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Integration ist ein beidseitiger Prozess, der dann erfolgreich ist, wenn er zu gleichberechtigter Teilhabe der Zuwanderer führt und ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter Einheimischen und Zuwanderern hervorbringt. Die wichtigste Voraussetzung ist die Anerkennung der Wirklichkeit: Wir haben Einwanderer und deren Kinder und Kindeskinder im Land, und wir werden angesichts des Bevölkerungsrückgangs weitere Einwanderer brauchen. Und diese Menschen sind eine große Chance für unser Land: Sie sind Kollegen, Wissenschaftler, Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen, Politiker, Kunstschaffende, Regisseure, Comedians, Fußballnationalspieler. Und sie fügen unserer Kultur neue Nuancen hinzu, machen sie reicher - bei weitem nicht nur, was die Speisekarte angeht.

Bei den Unter-Fünfjährigen stellen Kinder mit ausländischen Wurzeln inzwischen fast 35 Prozent der Bevölkerung. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?
Das zeigt, wie schnell sich diese Gesellschaft in den nächsten Jahren verändern wird. Das weckt sicher auch Ängste. Doch wenn die Politik erkennt, dass Bildung der Schlüssel für Integration ist, gibt es dafür überhaupt keinen Anlass, dann hält sie die Lösung des Problems in der Hand. Denn die Kindergärten und Schulen sind die Orte, an denen diese neue deutsche Gesellschaft zusammenwächst. Deshalb müssen wir in diesen Bereich viel mehr investieren, hier werden die Fundamente für die Zusammengehörigkeit gelegt und die Weichen für den sozialen Aufstieg gestellt.

Wichtig ist dabei, dass Kinder aus Zuwandererfamilien die deutsche Sprache beherrschen, wenn sie eingeschult werden. Sonst können sie ihre Startnachteile nur schwer aufholen, landen zwangsläufig in Förder- oder Hauptschulen und bleiben dann oft ohne Abschluss. Deshalb ist es gut, dass die Bundesländer Sprachtests für Kindergartenkinder eingeführt haben, um den Sprachstand der Kinder zu messen und Kinder mit mangelhaften Kenntnissen zu fördern. Die Förderangebote müssen aber deutlich umfangreicher sein und dürfen in der Schule nicht aufhören.

In vielen Großstädten leben Zuwanderer in Vierteln, in denen sie die Bevölkerungsmehrheit bilden und nicht unbedingt Deutsch sprechen müssen. Wie erreichen wir, dass die Kinder trotzdem die deutsche Sprache lernen?
Wir brauchen dringend mehr Erzieher und Lehrkräfte, die selber aus Einwandererfamilien kommen, die Sprachen der Einwanderer sprechen und ihre Kulturen kennen. Wir müssen die besten Lehrer in die schwierigsten Stadtteile, an die schwierigsten Schulen schicken und alle gesellschaftlichen Gruppen in die Integrationsbemühungen einbeziehen: Sportvereine, Moscheegemeinden, Kirchen, Kulturvereine und Unternehmen. Die Schulen mit den größten Herausforderungen brauchen auch das meiste Geld. Die Ungleichheit in unserer Gesellschaft werden wir nur durch Ungleichheit bei der Mittelvergabe ausgleichen können.

Gibt es Beispiele dafür, wie Integration in der Schule gelingen kann?
Wir haben bereits heute viele Schulen, die herausragende Arbeit leisten - zum Beispiel die Grundschule "Kleine Kielstraße" im Nordosten Dortmunds, die den ersten deutschen Schulpreis gewonnen hat: Fast alle Schüler kommen aus Einwandererfamilien, die meisten schaffen den Sprung auf Gymnasium oder Gesamtschule. Wie macht die Schule das? Durch Zusammenarbeit mit den Kindergärten und den Eltern sowie durch eine konsequente, individuelle Förderung der Kinder. Wir wissen also, wo die richtigen Stellschrauben sind - und vieles ist - wie in der "Kleinen Kielstraße" -  bereits auf dem Weg. Beim Thema Bildung steht die zweite Zuwanderergeneration schon besser da als die erste, und das gilt auch für die türkischstämmige Bevölkerung. Es gibt den sozialen Aufstieg und die Integrationserfolge, wenn auch nicht im ausreichenden Maße. Da brauchen wir auch einfach noch mehr Zeit.
 
Wie bekommen wir auf beiden Seiten ein Wir-Gefühl hin?
Das Wir-Gefühl kann man nicht staatlich verordnen. Es wächst aber in der gemeinsamen Bewältigung des Alltags, am Arbeitsplatz, in den Kindergärten und Schulen. Toleranz und Respekt gehören dazu, aber auch Offenheit und klare Worte. Die Menschen in diesem Land müssen verstehen, dass auch Muslime gute deutsche Staatsbürger sein können.


Ansprechpartner
Porträt von Michael Maillinger Michael Maillinger
Telefon:
+49 5241 81-81491
Audio & Video

Zusammen ist besser

größeres Format
weitere Audios und Videos
Drucken Senden Bookmark RSS abonnieren Hilfe

SEITE SENDEN:

SEITE SENDEN

Vielen Dank für die Weiterempfehlung! Die Email wurde versendet.

 |  Die Stiftung |  Reinhard Mohn |  Politik |  Gesellschaft |  Wirtschaft |  Bildung |  Gesundheit |  Kultur |  Presse |  Verlag |  Service |  Projekte | 
 |  English  |  Karriere  |  Kontakt  |  RSS  |  Sitemap  |   |  Suche  |  Impressum  |  Datenschutz  |