Hamburger Hauptschulmodell: Faire Chance auf den Traum-Job
Deutschland steht laut der SGI-Ergebnisse beim Thema Bildung nur im Mittelfeld. Ein Modellprojekt in Hamburg ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es besser macht: Dort unterstützen 75 große Unternehmen ein Projekt, das Hauptschüler in den Arbeitsmarkt integriert und gezielt für Ausbildungsplätze sorgt.
Wromm... Draußen startet eine Boeing 747, hebt ab, schwebt, verschwindet in den Wolken. Friedemann Buschs (17) Blick geht in Richtung Rollbahn. Ein Lächeln zuckt um seinen Mund. So, als könnte er es noch nicht so richtig glauben, dass er wirklich da ist. In einer dieser riesigen Hallen der Lufthansa Technik in Hamburg. 750.000 Quadratmeter Gelände, 7.000 Menschen, die hier arbeiten. Und er mittendrin - "irre", findet Friedemann. Und dann erzählt er. Von der Zeit im letzten Sommer, kurz vor den großen Ferien. "Ich wusste, dass ich meinen Hauptschulabschluss bekomme und nicht weiter zur Schule gehen will. Zuerst hatte ich noch Berufswünsche, wollte Kfz-Mechatroniker werden. Doch auf eine Stelle kamen über 50 Bewerber. Bei den meisten Betrieben bekam ich sofort eine Absage." Warum? - "Ich denke, es lag daran, dass ich von der Hauptschule kam. Am Ende war es mir egal, und ich habe mich einfach querbeet beworben. Für mich ging es nur noch darum, irgendeinen Job zu bekommen."
Eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur wies ihn damals auf das Hamburger Hauptschulmodell hin, das im Jahr 2000 von Michael Otto, dem Vorsitzenden der Otto Group, und Hapag-Lloyd-Vorstand Bernd Wrede initiiert wurde. Die Wirtschaftsinitiative hat es bis heute geschafft, 75 große Unternehmen als Partner zu gewinnen und alle Hamburger Schulen mit Hauptschulabsolventen mit ins Boot zu holen. Unterstützt wird in einem Drei-Pfeiler-Modell, erklärt Michael Goedeke von der Arbeitsstiftung Hamburg, der die Koordinierungsstelle des Modells leitet: "Wir beginnen an den Schulen, gehen in die neunten Klassen und sprechen mit den Schülern über ihre Stärken und Interessen. Der zweite Schritt ist dann der Besuch der Arbeitsagentur, unsere Beratung und die Hilfe in der Bewerbungs-Phase. Und zum Schluss erfolgt ein Gespräch mit dem Personalreferenten des Partnerunternehmens der jeweiligen Schule."
Genau so eine Vermittlung hat Friedemann gerade hinter sich. Das heißt aber noch nicht, dass er damit auch einen Ausbildungsplatz hat. So wie seine Mitbewerber Jannis (18), Fatih (17), Julian (16) und Jonas (16) muss Friedemann ein zehnmonatiges Betriebspraktikum machen. Erst danach entscheidet der Betrieb, ob er eine Lehrstelle bekommt. Keine Garantie, aber eine faire Chance - und die fühlt sich verdammt gut an. "Man ist verzweifelt, wenn immer wieder Absagen kommen, trotzdem wurde es schon fast zur Routine." Das Praktikum jetzt, das Gefühl, etwas Sinnvolles zu lernen und kurz vor dem Ziel zu sein, gebe ihm endlich wieder einen Kick: "Die Chance auf einen gesicherten Ausbildungsplatz als Werkzeugmechaniker bringt mich dazu, mein Bestes zu geben. Meine Eltern freuen sich, meine Freunde zeigen wieder Interesse an mir - wow, Lufthansa Technik, da ist nicht jeder!"
Die Arbeit macht Spaß, auch wenn er um 6.30 Uhr im Betrieb antritt, den Meister begrüßt und die Stempelkarte abholt. "Am Anfang mussten wir U-Stahl feilen. Das dauerte lange und man bekam Blasen an den Fingern." Sein Ausbildungsleiter Detlef Schulz lacht: "Aber noch davor haben wir kleine Modell-Flieger gebaut und sie draußen zusammen ausprobiert." Der 58-Jährige begleitet seit 1986 junge Menschen durch die Ausbildung, bis heute fast 800 Azubis. Er wirkt ruhig, besonnen, aber bestimmt. "Die Arbeit im Betrieb ist für viele Jugendliche völlig ungewohnt. Deshalb muss auch das Elternhaus mit umschalten." Und genau da, findet Ausbildungsleiter Hans-Peter Meinhold, liegen die meisten Probleme: "Es liegt am Elternhaus, wie viel an Bildungs- und Erziehungsarbeit an die Schulen abgegeben wird. Die Lehrer haben immer mehr soziale Aufgaben und sind oft restlos überfordert."
Viele der Jugendlichen kämen aus zerrütteten Familien. Ein Beispiel fällt Meinhold ein, von einem Jungen, der am Ende des zweiten Ausbildungsjahres plötzlich immer mehr Fehler machte. "Dann erfuhr ich, dass seine Mutter alleinerziehend ist, er noch drei Geschwister hat, und sich zu Hause um alles kümmern muss. Die Arbeit bei uns war seine Chance, aus dieser traurigen Welt herauszukommen."
Ein Freund von Kuschelpädagogik sei er bei allem Verständnis aber nicht, sagt Meinhold. Denn durch sie kämen die Jugendlichen mit dem plötzlichen Druck im Beruf nicht klar. "Bei uns gibt es kein Rundum-Sorglos-Paket. Die Koordinierungsstelle trifft eine Vorauswahl. Dann machen die Schüler bei uns einen abgespeckten Eignungstest und wenn sie den bestehen, kommen sie in die so genannte betriebsorientierte Ausbildungsvorbereitung." Viele der jungen Leute würden in diesen zehn Monaten selbstbewusster und reifer, lernten, sich zu organisieren, sich zu artikulieren und besser mit Kritik umzugehen.
Eines sei den Jugendlichen bewusst: Ziel der Firma ist es, sie zu übernehmen. Damit will die Lufthansa Technik genau wie die anderen Hamburger Unternehmen Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen und die Lobby der Hauptschüler stärken. "Wo wir früher ein Gemisch hatten, ist die Verteilung jetzt ganz klar gelagert: zehn Prozent Gymnasiasten, über 70 Prozent Realschüler und höchstens 20 Prozent Hauptschüler."
Woran das liegt, erklärt Gerd Knop, Personalmanager der Otto Group und Projektleiter des "Hamburger Hauptschulmodells": "In den vergangenen 20 Jahren haben die gestiegenen Anforderungen in Ausbildungsberufen und die schleichende Verdrängung durch Abiturienten und Realschüler die Hauptschüler vom Arbeitsmarkt verdrängt. Und das, obwohl in einer Stadt wie Hamburg rund 35 Prozent der Schulabgänger Hauptschüler sind." Der Versuch, mit den Jugendlichen im richtigen Augenblick über ihre Stärken und Interessen zu reden und am Ende - auch als Service für die Betriebe - eine Vorauswahl zu treffen, sei ein wichtiger Schritt, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen. "Tests, bei denen die Hauptschüler mit Oberstufenschülern verglichen werden, sind nicht gerecht. Nicht Noten, sondern Talente müssen entscheidend sein", sagt Knop. Neben großen Firmen seien inzwischen Kontakte zu rund 1.000 kleineren Betrieben geknüpft worden - "wir arbeiten dabei nur mit Firmen zusammen, von denen wir überzeugt sind." Faire Chancen und Vertrauen in Fähigkeiten, das müsse ein Ziel unserer Gesellschaft sein - und zwar für alle jungen Leute, die in Deutschland die Schule verlassen. Das Modell setzte Maßstäbe, wurde bundesweit mehrfach kopiert. "Über die Ausbildungseignung sollten nicht Institutionen entscheiden, sondern der Markt", sagt Knop. "Und generell sollte man nicht auf offene Plätze gucken, sondern auf Qualifikation, ansonsten sind die Abbrecherquoten enorm. Auch die inzwischen 380 verschiedenen Ausbildungsberufe sind nicht sinnvoll. Das ist zu verwirrend. Die Spezialisierung muss der zweite Schritt sein, davor ist vor allem eine gute Grundausbildung wichtig." Für die Schulen gilt: "Es sollte Zielvereinbarungen für Schulleiter geben. Denn sie sollen sich nicht nur für den Abschluss ihrer Schüler interessieren, sondern vor allem für den Anschluss der Jugendlichen an den Arbeitsmarkt. Uns fällt auf, dass nicht in erster Linie das soziale Umfeld einer Schule entscheidend ist, sondern das Engagement der Lehrer."
Dass die Freude am Job einen weit bringen kann, erleben Schoheib (18), Mario (17) und Tammy (18). Sie sind einen Schritt weiter als Friedemann und machen bereits eine Ausbildung bei der Lufthansa Technik. "Mein Traum war es, Stuckateurin zu werden - aber mir haben alle abgesagt", erinnert sich Tammy. Ihre Arbeit als Werkzeugmechanikerin mache fast so viel Spaß wie der ursprüngliche Traumjob. Vor allem mit den netten Kollegen, dem witzigen Mario und dem ruhigen Schoheib. Gute Schulnoten hatten sie alle drei. "Aber die Chancen, mit Hauptschulabschluss eine Lehrstelle zu finden, sind nicht gut", findet Schoheib. Mario betont, dass er trotzdem nicht weiter zur Schule gegangen wäre: 2Ich hab sofort gesagt, ich will kein Abi machen. Mein Papa fand das in Ordnung und hat immer daran geglaubt, dass ich auch mit einem Hauptschulabschluss meinen Weg mache.2
So ein Selbstbewusstsein hat nicht jeder. Und genau das fördert Michael Goedeke in der Koordinierungsstelle: Bewerbungstrainings mit Videoaufzeichnung seien da nicht so wichtig wie der persönliche Zuspruch. 2Wir haben Arbeitsplätze für die Schüler. Listen mit Firmen, die sie anrufen können. Und wir erstellen mit ihnen To-Do-Listen und beraten sie zusammen mit ihren Eltern.2 Das Bild, das es in der Öffentlichkeit über Hauptschüler gebe, sei nur zum Teil wahr. Die Wirklichkeit sei vielschichtiger. Wichtig sei doch, dass die Schüler besser auf den Beruf vorbereitet werden. Nicht nur Noten und Abschlüsse dürften entscheidend sein, sondern vor allem: Talent!
Weil man das um ein Haar übersehen hätte, wäre Isa Pini (19) fast im falschen Beruf gelandet. Durch das Engagement des "Hamburger Hauptschulmodells" ist er jetzt Absolvent des Hamburger Konservatoriums. Er und seine Klarinette. Fatal: Weil seine Musiknote "Nicht bewertbar" lautete, hätte er den Hauptschulabschluss fast nicht geschafft. Wir treffen ihn im Gebäude der Otto Group, wo er ein Abschlussgespräch mit Gerd Knop hat. "Wenn eine Mitarbeiterin in der Koordinierungsstelle nicht zufällig früher mal ein kleines Restaurant mit angrenzendem Theater gehabt hätte und auf sein Spiel aufmerksam geworden wäre, hätten wir Isa wohl nie entdeckt", lacht Knop über den Zufall. Gemeinsam sprachen sie dann mit dem Direktor der Hauptschule. Danach setzte sich Pinis privater Musiklehrer mit dafür ein, dass Isa die Chance auf die Aufnahmeprüfung am Konservatorium bekommt - die er dann natürlich locker bestand. "Weil der Musikunterricht oft nicht stattfand, habe ich gar nicht erst eine Note bekommen", erinnert sich Isa. "Irgendwie haben die mich gar nicht wahrgenommen."
Da ist es fast schon ein Wunder, wie selbstbewusst Isa heute ist. Wie er einem bei der Begrüßung mit festem Blick in die Augen schaut, wie er voller Stolz seine Klarinette vor sich auf den Tisch legt - jederzeit bereit zu spielen. "Beim Schulprogramm mit der Arbeitsagentur lautete die Empfehlung, ich solle eine Ausbildung im Einzelhandel machen", sagt er und grinst. "Aber das wollte ich nicht und hätte es auch nie getan. Schon mit elf Jahren bin ich zusammen mit meinem Vater aufgetreten und habe bis zu sechs Stunden am Tag gelernt. Das war mein Traum, ich wollte immer da hin. Ich hätte alles getan, um mit meinem Instrument Geld zu verdienen, egal ob in einer Kneipe oder in der Konzerthalle!" Dann greift er seine Klarinette und spielt. Und spielt. Und es klingt alles andere als nach Kneipe - das klingt ganz deutlich nach Konzerthalle!
Weiterführende Informationen zum Hamburger Hauptschulmodell:
Das "Hamburger Hauptschulmodell" ist ein von Hamburger Unternehmern initiiertes Netzwerk. Jugendliche, die die Schule nach der neunten Klasse mit dem Hauptschulabschluss verlassen, sollen wieder verstärkt in eine betriebliche Ausbildung gebracht werden. Zielsetzung ist es, sie in einen Ausbildungsberuf zu vermitteln, der ihren Stärken und Interessen entspricht. Beteiligt sind 75 Firmen und fast hundert Haupt- und Gesamtschulen.
Das Drei-Pfeiler-Konzept:
1. Schule: Einschätzung der Stärken und Interessen
2. Arbeitsagentur: Berufsberatung, Hilfe bei der Vermittlung vor Ort
3. Betriebe: Empfehlung und Hilfe bei Bewerbung und Vermittlung
Das Ergebnis: Die Übergangsquote von Hauptschülern in die ungeförderte betriebliche Ausbildung stieg von 6,7 Prozent (2000) auf aktuell 18,8 Prozent. Das Modell wird von der Stadt Hamburg und der Agentur für Arbeit finanziert. Es wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Carl Bertelsmann-Preis 2005.
Text: Tanja Breukelchen. Dieser Beitrag ist zuerst in "change" 2/2009 erschienen, dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.
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Carl Bertelsmann-Preis 2005 "Junge Generation und Arbeit: Chancen erkennen - Potenziale nutzen"
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change 2/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung
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