Die Chancen der Einwanderungsgesellschaft - ein Rückblick auf den Höhepunkt des Sommers
In diesem Sommer bescherten die Söhne muslimischer Einwanderer den Fußballfans im Land magische Momente. Mesut Özils Tor brachte die deutsche Mannschaft ins Achtelfinale, und Sami Khediras Tor schenkte dem Land mit dem dritten Platz ein kleines "Happy End" in Südafrika.
Die Weltmeisterschaft als Lehrstück über die Chancen der Einwanderungsgesellschaft. Lange hat Deutschland die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen. Mittlerweile sind die meisten in dieser angekommen - aber längst noch nicht alle. Was nicht verwundert, denn Integration ist ein langwieriger Prozess, der Einwanderer und Einheimische verändert. Vieles ist schon erreicht worden, worauf der Sachverständigenrat im Mai mit Jahresbericht und Integrationsbarometer hingewiesen hat - aber ungefährdet sind Integration und Zusammenhalt nicht. Vielfalt ist eine Chance für das Land, die gestaltet werden muss und nicht verpasst werden darf.
Die Bertelsmann Stiftung legt in einem aktuellen Positionspapier dar, wie Integration und Zusammenhalt in Deutschland aus ihrer Sicht weiter gefördert und gefestigt werden können. Erfolgreich ist Integration dann, wenn sie zu gleichberechtigter Teilhabe der Menschen im Land führt. Entscheidende Voraussetzungen dafür sind Sprache, Bildung und Arbeit. Gerade im Bildungssystem muss das Land deshalb alle Anstrengungen unternehmen, um die hohe Abhängigkeit des Bildungserfolges von der Herkunft zu durchbrechen.
Der Zusammenhalt im Land auf der Grundlage der Wertordnung unserer Verfassung basiert auch auf dem Zugehörigkeitsgefühl der Einwanderer und dem Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Einheimischen und Einwanderern. Das Land braucht mehr Einbürgerungen und vertiefte Bemühungen um Integration in den Kommunen.
Die Debatten um den Islam bewegen die Bevölkerung in Deutschland. Er ist längst ein Teil Deutschlands, wie Minister Schäuble noch als Innenminister beim Start der deutschen Islam-Konferenz feststellte. Die Gleichstellung der deutschen Muslime ist aber noch längst nicht erreicht - nicht nur, weil die Vielfalt der Muslime ihre gemeinsame Repräsentation erschwert, sondern weil es in weiten Teilen der "aufgeklärten" Gesellschaft eine ausgeprägte Distanz gibt gegenüber dem Islam als Religion. Dass die überwältigende Mehrheit der deutschen Muslime im Land gut integriert ist, wird dabei oft übersehen.
Und eine "Wahrheit" darf nicht mehr verschwiegen werden: Das Land, das mittlerweile zum Auswanderungsland geworden ist, wird sich angesichts des demographischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels weiter öffnen müssen. Denn ohne Zuwanderung verspielt Deutschland seine Zukunftsfähigkeit. Dann gäbe es nicht einmal ein "kleines" Happy End.
Integration und Vielfalt neu denken und gestalten.
Positionspapier der BST zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland
1. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die späte Anerkennung dieser Wirklichkeit hat Integration jahrzehntelang erschwert und die positiven Wirkungen von Einwanderung beeinträchtigt. Die kulturelle und ethnische Vielfalt ist aber eine Chance für unser Land, die so gestaltet werden muss, dass sich Potenziale entfalten können und der Zusammenhalt gefestigt wird.
2. Deutschland, das mittlerweile auch ein Auswanderungsland geworden ist, braucht weitere Einwanderung wegen des demographischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels. Sie muss gesteuertwerden, wobei - bei aller notwendigen Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen im globalen Wettbewerb um Talente - Humanität der Maßstab ist. Deutschland muss qualifizierte Zuwanderung fördern und dabei offen bleiben für Flüchtlinge und Asylbewerber. Im europäischen Verbund müssen intelligente Steuerungssysteme entwickelt und humanitäre Antworten auf die Problematik illegaler Migration gefunden werden.
3. Der gesellschaftliche Zusammenhalt im Land basiert auf einem dynamischen Prozess des gegenseitigen Entgegenkommens von Einheimischen und Einwanderern. Integration ist erfolgreich, wenn sie zur gleichberechtigten Teilhabe in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft führt auf der Wertegrundlage unserer Verfassung.
4. Sprache, Bildung und Arbeit sind zentrale Voraussetzungen für Integration. Dabei ist Arbeit der beste Weg zu einem aktiven und selbstbestimmten Leben und zur gleichberechtigten Teilhabe in Wirtschaft und Gesellschaft.
5. Die Weichen für Teilhabe werden im Bildungssystem gestellt. Bildung ist der Schlüssel zu erfolgreicher Integration. Deshalb muss die bestehende Benachteiligung von Zuwanderern im Bildungssystem überwunden werden.
6. Über die strukturelle Teilhabe in den Bildungs-, Arbeits- und Sozialsystemen hinaus muss in der Gesellschaft auch das Zugehörigkeitsgefühl von Zuwanderern gefördert werden. Dazu brauchen wir gegenseitige Toleranz und die Wertschätzung des Beitrages der Zuwanderer und ihrer Organisationen durch die Aufnahmegesellschaft. Zentral für Zugehörigkeit ist ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht, das auch doppelte Staatsbürgerschaften zulässt und die politische Partizipation von Zuwanderern fördert. Die relativ geringen Einbürgerungszahlen in Deutschland müssen dringend gesteigert werden.
7. Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Einheimischen und Zuwanderern als Fundament der Integration braucht eine neue deutsche Identität, die nicht einfach staatlich verordnet werden kann. Ein neues "Wir-Gefühl" entsteht, wenn Einheimische und Einwanderer die Herausforderungen des Zusammenlebens gemeinsam bewältigen und sich weniger an der unterschiedlichen Herkunft, sondern vielmehr an der gemeinsamen Zukunft orientieren. Die Kommunen sind die zentralen Orte für Integration.
8. Der Islam ist ein Teil Deutschlands und kann - wie Christentum und Judentum - einen wichtigen Beitrag leisten zum friedlichen Zusammenleben der Menschen in Deutschland. Dazu muss der Islam auf der Grundlage eines eindeutigen Bekenntnisses zu den Grundwerten unserer Verfassung mit den christlichen Konfessionen und dem Judentum in Deutschland gleichgestellt werden.
9. Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit müssen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft präventiv verhindert und konsequent bekämpft werden. Wir brauchen eine aktive Gleichstellungspolitik, die Menschen mit Migrationshintergrund in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fördert und ihr Potenzial anerkennt.
10. Deutschland muss für seine Zukunftsfähigkeit eine "Kultur des Willkommens" entwickeln, die die Integration der bereits im Land lebenden Zuwanderer und ihrer Kinder vertieft, den Zusammenhalt in der Gesellschaft festigt und neue Zuwanderer anzieht.















