Küchen für Deutschlands Schulen: Starkoch Tim Mälzer kochte gemeinsam mit Kindern
"Essen versteht jeder!"
Wenn jemand mit Kindern kochen kann, dann ist es Tim Mälzer. Der aus dem Fernsehen bekannte Küchenchef schafft es Anfang September mühelos, zwölf Schüler der Berliner Gottfried-Röhl-Grundschule um sich zu scharen und ihnen zu erklären, warum es Spaß macht, aus frischen Zutaten Mittagessen zu kochen. Zwei Schüler, die ein Suppenhuhn nicht anfassen möchten, überredet er in seiner lockeren Art, es doch zu versuchen. Beim Interview am Rande des von ihm vorangetriebenen Projekts "Küchen für Deutschlands Schulen" hat Mälzer Schweißperlen auf der Stirn - vom Kochen in der heißen Küche und ein wenig auch vom ungewohnten Kinder-Gewusel am Herd, wie er eingesteht.
change: Herr Mälzer, Sie sind bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Hand aufs Herz: Wann haben Sie denn das letzte Mal Chips geknabbert oder eine Currywurst gegessen?
Tim Mälzer: Currywurst esse ich durchaus öfter, ich verkaufe die auch selber in meinem Restaurant, da ist nichts Schlimmes dran. Das kann ein gutes Produkt sein. Schlimm ist es, wenn ich sieben Tage die Woche Pommes, Currywurst und Ketchup esse. Ich genehmige mir auch mal einen Burger zwischendurch, aber eben nur selten.
Sie sind also auch nicht davor gefeit, mal zu Fastfood zu greifen. Wie bringt man denn Kindern bei, Spaß an gesunden Lebensmitteln zu entwickeln?
Man muss Kinder selber machen lassen. Wenn mir jemand sagt, ich soll Kunst lernen, ich dann aber nur nach Zahlen malen darf oder die Kästchen immer nur in bestimmten Farben ausmalen soll, so dass jedes Bild gleich aussieht, ist das doch Blödsinn. Kinder sollen und können lernen, dass etwas, das sie selber machen, von Erfolg gekrönt ist. Und sie können sich hinterher sogar durch ihr eigenes Essen selbst belohnen.
Klingt sehr einfach.
Oft ist es das auch. Mir fällt immer wieder in meinem Restaurant auf, dass Eltern sagen, ihre Kinder würden etwas nicht essen. Wenn ich aber mit den Kindern spreche, ist das gar nicht der Fall. Die sind viel aufgeschlossener. Ich hole gerne Kinder in die Küche und sage ihnen, dass sie sich etwas zu essen aussuchen sollen.
Und dann gibt es immer Nudeln mit Tomatensoße?
Nein, die wählen Artischocken, Lamm, Auberginen und probieren Dinge einfach aus, während die Eltern sagen: 'Mein Kind möchte bitte Hühnchen mit Nudeln ohne Soße.' Das stimmt meistens gar nicht.
Sie kommen gerade aus einer neuen Schulküche in Berlin, in der Sie mit Kindern gekocht haben. Was sollen die Schüler dort lernen?
Wir versuchen einfach wieder das herzustellen, was vielleicht vor 15, 20 Jahren normal war. Sprich: ein relativ normales Essen. Die Kinder sollen nicht lernen, einen Steinbutt zu filettieren.
Sondern?
Es geht um den normalen Zugang zu Lebensmitteln. Es geht darum, ein Gefühl aufzubauen zu guter Ernährung. Die Kinder sollen Lebensmittel anfassen, an ihnen riechen und sie schmecken. Es kann in diesen Küchen auch Spanisch- oder Mathe-Unterricht stattfinden,
aber eben immer in Verbindung mit Essen und Trinken. Denn wir verstehen Essen einfach.
Tatsächlich?
Ja. Jeder versteht Essen! Essen und Trinken haben etwas sehr Emotionales. Wenn wir uns an unsere schönsten Erlebnisse erinnern, die mit Essen zu tun haben, kommen meistens Oma, Mutter oder Urlaub darin vor. Aber: Oma kocht genauso schlecht wie ich, Mutter kocht genauso schlecht wie ich, und im Urlaub wird auch schlecht gekocht.
Wie wird dann die schöne Erinnerung daraus?
Durch die emotionale Erinnerung an das Gesamtbild. Es geht um die Aufmerksamkeit, die Zeit, die man miteinander verbringt und vor allem um das Gespräch, das man beim Essen führt. Es ist einfach einer der schönsten Momente, die wir am Tag heute noch haben. Man kann den Kindern, dem Partner, der Familie, den Freunden Aufmerksamkeit schenken, die man sonst zwischendurch so nicht hat. Auch das lässt sich lernen.
Kann eine Küche in der Schule das leisten?
Sie kann dort ansetzen. Es geht nicht um Verpflegung. Es geht hier wirklich um das gemeinschaftliche Miteinander, Gemüse zu schnibbeln, Teig zu kneten und auszurollen, zu kochen, backen, braten und so einen Zugang zur Ernährung zu schaffen.
Wo führt dieser Zugang im besten Fall hin?
Zu einem spielerischen, natürlichen Umgang, zur Wertschätzung des Essens. Dafür haben wir eine Verantwortung. Wir versuchen ja auch, dass Kinder einen anständigen Schulabschluss bekommen, eine vernünftige Berufsausbildung, dass sie einen Führerschein machen, die Haare anständig sind und sie eine saubere Unterhose anziehen. Warum achten wir nicht auf gute Mahlzeiten? Das sollte normal sein. Ich rede nicht von Sterneküche oder von irgendwelchen kulturellen Dingen, etwa genau zu wissen, welches Besteck ich zu welchem Lebensmittel zu nehmen habe. Nein, es geht einfach um ordentliche, regelmäßige Ernährung.
Da sind dann auch Spaghetti Bolognese in Ordnung?
Ja, selbst gekocht und nicht aus der Tüte ist das super, mein Lieblingsgericht. Da ist alles drin: Tomaten, Gemüse, Hack, Nudeln. Alles, was der Mensch braucht.
Ist bei Ihnen in der Schule auch gekocht worden?
Nein, es gab Schokokussbrötchen, Kakao, alles, was weniger gut ist.
Das hat Ihnen offensichtlich nicht geschadet...
Nein, weil wir zu Hause richtig und normal gegessen haben. Heutzutage ist oft zu Hause das Schokokussbrötchen die Hauptmahlzeit. In der Schule sollte das dann anders sein.
Das heißt, ihr Küchenprojekt soll Versäumnisse im Elternhaus ausgleichen?
Ja, das wollen wir versuchen. Schulen sind der kleinste gemeinsame Nenner, an die kommen wir heran. Dort gibt es die Möglichkeit, es mit guter Ernährung zu versuchen.
Haben Sie und die Schulen denn überhaupt eine Chance gegen Fastfood-Ketten?
Bei dem Thema ist knallharte Aufklärung gefragt, und zwar drastisch. Nicht nur sagen: "Ihr müsst euch gesund ernähren", sondern wirklich zeigen, was passiert, wenn man sich nicht gesund ernährt. Zu sagen: "Esst zehn von diesen Burgern in der Woche und schaut euch an, was mit eurem Herz passiert!" Das machen wir beim Rauchen ja auch, da versuchen wir die Kinder mit Schockbildern zu überzeugen. Das machen wir bei Alkohol, bei Drogen, bei allem Drum und Dran. Warum nicht bei fettem Essen?
Sie werden jetzt also der deutsche Jamie Oliver?
Ich sage das ja immer umgekehrt: Jamie Oliver ist der englische Tim Mälzer. (lacht)
Aber der britische Starkoch ist früher auf die Idee gekommen, mit Kindern zu kochen, oder?
Tja, stimmt. Wir sind ja befreundet und er ist durchaus ein großes Vorbild, weil er einfach seiner sozialen Verantwortung nachkommt. Er hat sich gesellschaftlich, finanziell und inhaltlich einen hohen Status erarbeitet und gibt jetzt eine ganze Menge davon zurück. Ich verstehe meine Aufgabe ähnlich: Wenn man etwas zu geben hat, dann gibt man es.
Interview von Marcus Müller, zuerst erschienen in "change" 4/2009, dem Magazin der Bertelsmann Stiftung.
Über die Projekte:
Das Projekt "Küchen für Deutschlands Schulen" soll gesunde Ernährung und Kochen spannend und unterhaltsam in der Schule vermitteln. Im Rahmen des nationalen Aktionsplans "IN FORM" setzen das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Koch Tim Mälzer, die Bertelsmann Stiftung und als Sponsor der Küchenhersteller Nolte das Vorhaben um. Die Berliner Gottfried-Röhl-Grundschule erhielt Anfang September 2009 die erste Lehrküche. Ab dem Frühjahr 2010 können sich Schulen in ganz Deutschland für die Ausstattung mit einer Übungsküche bewerben. Pro Jahr sollen mehrere Küchen eingerichtet werden.
Die Bertelsmann Stiftung ist auch darüber hinaus mit einem Projekt für eine gesunde Schule aktiv: anschub.de ist eine Allianz für nachhaltige Schulgesundheit und Bildung in Deutschland. Als Initiative der Bertelsmann Stiftung gestartet, wird ein neu gegründeter Verein ab 2010 die Aktivitäten eigenständig weiterführen. Gemeinsames Ziel aller Beteiligten ist es, Gesundheit und Bildung miteinander zu verknüpfen, um sie nachhaltig im Schulleben zu verankern. Was als Modellprojekt startete, leben heute Schüler, Lehrer und Eltern in hunderten Schulen. In den Bundesländern Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gibt es bereits Programme oder Modellregionen für die gute gesunde Schule.
Ansprechpartner
Weiterführende Informationen
Küchen für Deutschlands Schulen Anschub.de IN FORM Tim Mälzer
Weiterführende Nachrichten
"Küchen für Deutschlands Schulen" startet mit Bundesministerin Aigner und Tim Mälzer
Projekt
Publikation
change 4/2009, Das Magazin der Bertelsmann Stiftung
Alle zwei Jahre veranstaltet die Bertelsmann Stiftung den Gesangswettbewerb "Neue Stimmen". Weltweit wird dabei nach jungen Opern-Talenten gesucht. Aus diesem Anlass befasst sich unsere neue Ausgabe von "change" mit dem Schwerpunkt "Kultur und Musik".
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