Kiel - Wo Forschung Brücken baut
Forschen am Weltklima
Am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, dem IFM-GEOMAR, erforschen Wissenschaftler aller Länder Klima und Meere. Ein Projekt, so spannend wie ein Thriller von Frank Schätzing - aber viel friedlicher und mit dem unbedingten Willen zu einem Happy End. Nicht zuletzt, weil diese Art von Forschung Menschen verbindet. In "change - Das Magazin der Bertelsmann Stiftung" blicken wir hinter die Kulissen des Institutes.
Wer allein in seinem Labor vor sich hin forscht, erzielt schwerlich große Erkenntnisse, schließlich lebt Wissenschaft vom Austausch über Ländergrenzen hinweg. Besonders deutlich wird das, wenn es ums große Ganze geht, etwa um die Ozeane und das Klima. Mit beidem beschäftigt sich das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, IFM-GEOMAR, dessen prominentester Vertreter der Klimaforscher Prof. Mojib Latif ist.
"Ich hole gerne ausländische Mitarbeiter ans Institut, weil ich die unterschiedlichen Arbeitsweisen und -philosophien stimulierend finde", sagt Latif (55). "Die Kombination verschiedener Sicht- und Denkweisen dieselbe Sache betreffend ist unglaublich befruchtend." Tatsächlich sorgen der in Hamburg geborene Meteorologe und Klimaforscher pakistanischer Abstammung und sein Wissenschaftlerteam mit ihren Forschungsarbeiten immer wieder für weltweites Aufsehen. Etwa mit einer Studie zur möglichen Temperaturentwicklung bis 2025, die vor zwei Jahren im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht wurde. Wenn sich Latif und sein 15-köpfiges Team zum Thema Klimawandel äußern, finden sie international auf höchster Ebene Gehör, so wie kürzlich bei der Klimakonferenz in Kopenhagen. Überhaupt hat das IFM-GEOMAR international ein beeindruckendes Standing. So sind die Kieler führend bei der Gashydratforschung, der Erforschung der Ozeanversauerung, der Isotopenanalytik - und ebenfalls vorne dabei, wenn es um Ozean-Beobachtungstechnologien, marine Geophysik sowie Hydrothermalsysteme geht. Oder eben um die Untersuchung langzeitlicher Klimaschwankungen.
Latifs Forscherteam setzt sich zusammen aus Deutschen, Australiern, Südkoreanern, Marokkanern, Russen, Kanadiern und gleich vier Chinesen. Das vereint nicht nur verschiedene Sichtweisen, sondern baut auch Brücken in alle Welt, weil sie die Forschung des Anscheins enthebt, von rein deutschen oder europäischen Interessen bestimmt zu sein.
Für die "Rekrutierung" seiner Mitarbeiter spricht Latif Professoren-Kollegen an, denen er bei internationalen Konferenzen begegnet: "Ich frage dann, ob sie jemanden aus ihrem Heimatland empfehlen können." Während mit den USA und anderen westlichen Ländern schon lange Kontakte bestehen, etwa beim Doktorandenaustausch, wurden entsprechende bilaterale Programme mit Osteuropa und China in den vergangenen Jahren von der Politik vorangetrieben. Auch auf den ersten Blick exotische Orte sind wichtig für die Forschung: "Mit den Kapverdischen Inseln haben wir eine äußerst ergiebige Kooperation", erzählt Latif. "Das wird langfristig eine wichtige Basis für Forschungsvorhaben werden, für die Erkundung der Meere. Von dem, was wir gerade mit den dortigen Wissenschaftlern aufbauen, werden beide Seiten profitieren."
Generell arbeiten die Mitarbeiter des IFM-GEOMAR bei allen Forschungsvorhaben im Ausland ausschließlich in Kooperation mit lokalen Forschern und achten sehr darauf, "nicht wie ein Raumschiff einzufallen, das sich möglichst unerkannt wieder verabschiedet", so Prof. Peter Herzig, der Direktor des IFM-GEOMAR. "Die Meeresforschung ist eine Paradedisziplin internationalen Handelns, schließlich geht es hier um globale Prozesse, die nicht auf Nord- oder Ostsee beschränkt sind, sondern alle Ozeane einbinden." Und es geht darum, Naturgefahren wie Seebeben und Tsunamis vorhersehbar zu machen, aber auch Umwelt-, Rohstoff- und Energieprobleme des Planeten zu lösen. Herzig: "Wir verstehen unsere Arbeit auch als Kommunikationsprojekt. Wir sind Botschafter deutscher Forschung und Kultur - denn die ausländischen Gastwissenschaftler lernen an Bord unserer Forschungsschiffe deutsche Kultur kennen. Mehrere Wochen an Bord zusammen zu sein, das schweißt zusammen. Daraus sind schon viele Karrieren und langjährige Kooperationen mit ausländischen Kollegen entstanden."
Die deutsche Meeresforschung teilt sich vier Forschungsschiffe: Die "Sonne" (Pazifik), die "Meteor" (Atlantik), die "Maria S. Merian" (südliche Arktis, nördliche Antarktis) und die "Polarstern" (auch Versorgungsschiff für das Alfred-Wegener-Institut für Antarktisforschung). Jedes Schiff ist im Schnitt 250 Tage im Jahr auf See, ein Drittel entfallen auf das IFM-GEOMAR. Exklusiv für das Kieler Institut sind die "Alcor" (Nord- und Ostsee) und die "Poseidon" (Nordhalbkugel) im Einsatz.
Soll etwa ein Schiff vor Papua-Neuguinea eingesetzt werden, stellen die beteiligten Wissenschaftler einen Antrag auf Schiffszeit, über die eine Gutachtergruppe aus verschiedenen Instituten befindet. Die Forschungsgenehmigung vor Ort wird über das Auswärtige Amt eingeholt. "Die Kooperation mit den ausländischen Behörden verläuft in 80 Prozent der Fälle problemlos", erzählt Prof. Peter Herzig, "aber es werden auch schon mal Forschungsgenehmigungen versagt aus Angst, wir würden den Untergrund nach Rohstoffen durchleuchten." Das sei beispielsweise in Russland der Fall. Grundsätzlich gilt: "Wir verpflichten uns, die Forschungsergebnisse zu publizieren und liefern die Daten komplett an die Länder ab." Von der ersten Skizze bis zur Realisierung des Forschungsvorhabens dauert es im Normalfall zwei Jahre, schließlich können die Schiffe nicht von einem Tag zum anderen quer über die Ozeane beordert werden. Darum müssen die Forschungsvorhaben nach einem logistisch sinnvollen Fahrplan umgesetzt werden. Für den Fall, dass es doch einmal pressiert, wurde ein Schiffszeitentauschabkommen eingerichtet zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Norwegen, den Niederlanden und Spanien. "Ein echtes Erfolgsmodell", freut sich Institutsdirektor Herzig.
Wenn die Forschungsschiffe im Auftrag des IFM-GEOMAR in fernen Häfen liegen, werden "Tage des offenen Schiffes" für die lokale Bevölkerung veranstaltet. Gerade jüngere Wissenschaftler werden schon mal zu Forschungsaufenthalten nach Deutschland eingeladen: "Sie gewinnen dadurch zu Hause an Ansehen", weiß Herzig, "und so mancher ist in seinem Heimatland Minister, Staatssekretär oder Direktor geworden." Und natürlich arbeiten auch viele deutsche Forscher an ausländischen Instituten. Nach Herzigs Worten ist die deutsche Meeresforschung auf den Weltmeeren präsenter als die der USA oder Großbritanniens. Nur Frankreich sei ähnlich gut vertreten.
Und so gibt es immer wieder ein erstes Mal. Anil Harry etwa ist der erste Vertreter aus Trinidad am IFM-GEOMAR. Der 27-Jährige macht gerade seinen Master in Umweltbiologie: "Mein betreuender Professor kam bei einem Kongress in den USA mit einem IFM-GEOMAR-Mitarbeiter ins Gespräch - so hat sich das entwickelt", erzählt Harry auf Englisch. Er ist im Rahmen des GAME-Programms nach Kiel gekommen. Das Akronym steht für "Globaler Ansatz durch modulare Experimente" und ist ein weltweites Programm zur Erforschung des globalen Wandels, das gleichzeitig junge Wissenschaftler fördern und vernetzen soll. Dabei machen jedes Jahr Studenten - deutsche und ausländische zu gleichen Teilen - identische Experimente zu einer ökologischen Fragestellung an verschiedenen Orten. So soll sich zeigen, ob unterschiedliche Ökosysteme ähnlich reagieren. Das Programm existiert seit acht Jahren und kooperiert mit 29 Forschungseinrichtungen in 22 Ländern. Die GAME-Teilnehmer veröffentlichten bislang 26 wissenschaftliche Publikationen in internationalen Fachzeitschriften und stellen ihre Arbeiten weltweit auf wissenschaftlichen Tagungen vor.
Einer der Ansprüche ist es, gezielt Schwellenländer in das Programm aufzunehmen, um zum Wissenstransfer in Regionen beizutragen, in denen ökologische Forschung besonders wichtig, vielleicht sogar überlebensnotwendig ist. Wichtig ist auch, dass die Kontakte über das eigentliche Projekt hinaus aufrechterhalten und ausgebaut werden. Das ist nicht nur für die Vernetzung der Wissenschaftler von Bedeutung, sondern zugleich eine wichtige Basis für Langzeitbeobachtungen, mit denen sich Veränderungen der Ökosysteme über die Zeit erfassen lassen.
Und dann gibt es noch einen Aspekt der Globalisierung in der Wissenschaft, der auf keinen Fall unterschlagen werden sollte: "Für das Weihnachtsessen bereitet jeder Mitarbeiter ein typisches Gericht seiner Heimat zu. Es ist fantastisch, was da zusammenkommt", erzählt Prof. Mojib Latif lachend - und aus seinen Augen spricht die Vorfreude aufs nächste Ma(h)l.
Text: Thomas Röbke. Dieser Beitrag ist im März 2010 in "change - Das Magazin der Bertelsmann Stiftung", Ausgabe 1/2010, erschienen. Das Magazin können Sie kostenlos bestellen.
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change 1/2010, Schwerpunkt: Globalisierung
Für diese Ausgabe von "change" waren wir auf fast allen Kontinenten, trafen Menschen und lernten ihre Erfahrungen mit der Globalisierung kennen. Die Globalisierung stellt uns vor große Herausforderungen, aber sie eröffnet auch Chancen auf ein neues und anderes Leben.
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