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Gütersloh, 05.08.2011

In welchem Land geht es am gerechtesten zu?

Ein Ländervergleich zeigt: Deutschland hat Nachholbedarf

Im Neuen Hafen in Kopenhagen
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Im Neuen Hafen in Kopenhagen
Quelle: action press/IMAGINE

Eine Studie ergab: Ja, es gibt sozial gerechte Industrieländer. Und sie liegen vor allem im Norden - nicht nur in Europa. Ein Kurztrip durch die "gerechten" Länder zeigt, was wir in Deutschland noch lernen können. Zum Beispiel Island: Es ist eines der Länder, die uns Deutschen laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung über die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit bei zahlreichen Kriterien weit voraus sind. Von Oliver Driesen.



Nicht jeder Schultag auf Island ist ein normaler Schultag. Für das interdisziplinäre Schulprojekt "Björnslundur" zum Beispiel verlassen die altersgemischten Klassen der Nordlingaskóli in Reykjavík ihre Schule und gehen raus in die Natur. Im Mittelpunkt stehen das soziale Lernen im Einklang mit der Natur und der Grundsatz, dass kein Kind verzichtbar ist - egal welcher Herkunft oder welchen kulturellen Hintergrunds. Die Nordlingaskóli ist damit typisch isländisch: Unter 31 Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hängt in Island ein erfolgreicher Schulabschluss am wenigsten davon ab, ob ein Kind aus einem reichen oder armen Elternhaus stammt. Allerdings hat Island hier aufgrund seiner kleinen und homogenen Bevölkerung auch von vornherein bessere Ausgangsbedingungen als große Länder wie Deutschland. Dennoch: Island investiert mit am stärksten in die frühkindliche Bildung - ein wichtiger Schlüssel für gerechte Chancen auf spätere Teilhabe an Wohlstand und Demokratie.

Die Vergleichsstudie Soziale Gerechtigkeit in der OECD - Wo steht Deutschland? greift verschiedene Mess- und Vergleichsgrößen auf. Damit lässt sich detailliert darstellen, wie die 31 untersuchten OECD-Staaten das Ziel "Soziale Gerechtigkeit" konkret umgesetzt haben. Die Forscher haben darin fünf überschaubare Bereiche definiert, an denen sich soziale Chancen ablesen lassen: Zugang zum Bildungssektor, der Arbeitsmarkt, sozialer Zusammenhalt und Gleichbehandlung, Generationengerechtigkeit und Vermeidung von Armut. In jedem dieser Bereiche stellt die Studie führende Länder heraus, von denen sich Deutschland etwas abschauen kann. Denn schon hier sei verraten: Wir stehen in der Gesamtschau nur auf Platz 15 der 31 Teilnehmerländer.

Von Island kommend führt uns die Tour durch die anderen Musterländer zunächst nach Kanada. Claire Arenajo ist Filipina und 2009 eingewandert. Zwar konnte die 45-Jährige viel Erfahrung im Bankensektor ihres Geburtslandes vorweisen, doch das bedeutet für Einwanderer in keinem Land der Welt, auch in der neuen Heimat wieder gleichwertige Arbeit zu finden. In Kanada gibt es ACCES Employment, ein Programm, das Einwanderern beim Durchstarten im Job hilft: durch Ergänzungskurse, Überarbeiten der Bewerbungsunterlagen und vor allem Kontakte zu Unternehmen. Und siehe da, es funktionierte: Heute arbeitet  Arenajo als Account Managerin bei der Royal Bank of Canada in Toronto. Kein Zufall: In der Kategorie Arbeitsmarkt ergab die Gerechtigkeitsstudie, dass das traditionell multi-ethnische Kanada auch dank seiner guten Integrationspolitik einen der obersten Plätze beim Zugang zu Erwerbsarbeit belegt - einem offensichtlichen Gerechtigkeitskriterium.

Wir reisen zurück über den Atlantik - nach Skandinavien, dessen Länder auch in der Gesamtwertung vordere Platzierungen belegen. In Schweden hören wir uns gleich mal in Stockholm um, weil wir neugierig sind, was Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt so verdient. Ein Anruf beim städtischen Finanzamt, und prompt erfolgt die freundliche Auskunft: "1.383.600 Kronen", das sind umgerechnet etwa 150.000 Euro. Die Steuererklärungs-Daten hinken natürlich ein paar Jahre hinterher, aber das Prinzip wird klar: Alle Schweden können sich bei diversen staatlichen und privaten Diensten blitzschnell über die versteuerten Einkommen und selbst die Schulden jedes ihrer Landsleute informieren; kaum jemand findet dabei etwas komisches. Die totale Transparenz trägt dazu bei, dass es nur wenige Ausreißer im Gehaltsgefüge gibt. Die Schere zwischen den Einkommen klafft hier von den 31 untersuchten Nationen am wenigsten auseinander, übrigens auch im Vergleich zwischen Männern und Frauen. Werte wie Gleichheit und Solidarität sind seit Langem tief in der schwedischen Gesellschaft verankert. Man zahlt hohe Steuern ohne Murren, weil man Sicherheit und sozialen Frieden als positive Wirkungen der umfangreichen Sozialausgaben erlebt.

Schwierig ist die Frage, wohin wir uns am besten zum Thema Generationengerechtigkeit wenden sollen. Wo wird am besten dafür gesorgt, dass die Kinder zukünftig nicht übermäßig für Sünden der Erwachsenen zur Kasse gebeten werden? Geht es dabei um eine nachhaltige Umweltpolitik - etwa die Umweltschutz-Gesetzgebung oder die Förderung erneuerbarer Energien, dann liegt einmal auch Öko-Weltmeister Deutschland ganz vorn.

Betrachtet man aber die Staatsfinanzen, dann geht der Langstreckenflug nach Down Under: Australien war weniger als die meisten anderen OECD-Staaten von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen. Der damalige Premier Kevin Rudd machte vieles richtig: Schon vor der Krise hatte die Regierung die Staatsverschuldung drastisch reduziert: von 42 auf 15,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den kritischen Jahren war dann umso mehr Masse für staatliche Konjunkturprogramme verfügbar - aber auch für eine gelassene Geldpolitik der Zentralbank, die keine hemmungslose Geldvermehrung betreiben musste wie in anderen Ländern.


Foto: Karsten Moran/Aurora/laif
Am Ende unserer Reise durch die sozial gerechte Welt soll ein Land stehen, das Armut besonders erfolgreich bekämpft: In Dänemark wird Kinderarmut - ein Missstand mit besonders negativen Zukunftsfolgen - durch vorausschauende Sozialpolitik vorbildlich eingedämmt: Nur 2,4 Prozent aller Kinder gelten hier als arm, Topwert im OECD-Vergleich. Als Beispiel für Kinderwohlstand tut sich in Kopenhagen gleich eine ganze Galaxie auf: die Kita "Galaxen" im Stadtteil Amagerbro. Die Kindergruppen haben Sternennamen, die Ausstattung ist üppig und modern. Hier kümmert sich ein Pädagoge um sechs Krippen- oder zehn Kleinkinder. In Deutschland sind es oft 14 oder mehr Kinder pro Betreuer. Trotz relativ hoher Monatsgebühren besuchen 90 Prozent der älteren Kinder solche Kitas - und 85 Prozent aller Däninnen können einer Erwerbsarbeit nachgehen, um ihrer Familie ein Leben in materieller Sicherheit zu ermöglichen.

Die Beispiele aus Island, Kanada, Schweden, Australien und Dänemark zeigen Wege auf, die auch in Deutschland mehr soziale Gerechtigkeit ermöglichen könnten. Mehr Kita-Plätze, eine einfachere Integration auf dem Arbeitsmarkt, eine nachhaltige Haushaltspolitik, transparente soziale Strukturen und ein Ausbau frühkindlicher Bildung sind nur einige Bausteine für eine solche Strategie. Und die Studie belegt, wie eng soziale Gerechtigkeit und die Zukunftsfähigkeit eines Landes zusammenhängen. Ein Platz im Mittelfeld darf da für Deutschland auf Dauer nicht reichen.

Der Artikel stammt aus change − Das Magazin der Bertelsmann Stiftung, S. 68. Das ganze Heft mit dem Schwerpunkt Demographischer Wandel sowie weitere Ausgaben erhalten Sie hier.


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