Gunter Thielen über Bildungspolitik und die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft
In einem Interview mit der Neuen Westfälischen äußert sich der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung Dr. Gunter Thielen zu den Herausforderungen für die Bildungspolitik und die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft. Chancengerechtigkeit, Teilhabe und Integration müssten in den Mittelpunkt gerückt und die Spaltung der Gesellschaft gestoppt werden.
Herr Thielen, heute wird aller Voraussicht nach Hannelore Kraft zur ersten Ministerpräsidentin in NRW gewählt. Was sagen Sie dazu?
GUNTER THIELEN: Frauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft spielen eine immer größere Rolle, das finde ich gut. Politisch steht Hannelore Kraft allerdings vor großen Herausforderungen. Das haben ja bereits die Sondierungsgespräche mit allen Parteien gezeigt. Wir haben fünf Fraktionen im NRW-Landtag und da ist es schwer, mit zwei Partnern eine Regierung zu bilden. Wenn wir allerdings in die skandinavischen Länder schauen, sehen wir, dass Minderheitsregierungen nicht ungewöhnlich und in der Lage sind, die Probleme einen Landes zu bewältigen.
Ist eine Große Koalition nicht die bessere Alternative?
THIELEN: Große Koalitionen haben ihre Berechtigung. In NRW hat es zwischen SPD und CDU offensichtlich zu wenig inhaltliche Übereinstimmungen gegeben. Und eine starke Opposition ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie.
Eine Minderheitsregierung mag ja schön und gut sein. Aber wer sich immer neue Mehrheiten suchen muss, kann sich kein scharfes Profil leisten. Es wird doch eine Legislatur des Verwaltens.
THIELEN: Das muss nicht der Fall sein. Eine Minderheitsregierung muss viel stärker für politische Lösungen werben, das kann die Demokratie sogar stärken. Außerdem zeigt der Koalitionsvertrag, dass die Regierung in der Bildung einen Schwerpunkt setzen will. Das ist auch nötig, denn NRW ist vor allem bei der frühkindlichen und schulischen Bildung nur Durchschnitt. Die Studiengebühren hätte ich allerdings nicht abgeschafft, die sind kein Hemmnis ein Studium aufzunehmen.
Das längere gemeinsame Lernen wollen die Neukoalitionäre nun den Kommunen überlassen. Dann zersplittert doch die Schullandschaft.
THIELEN: Die Menschen haben großes Vertrauen, in die Entscheidungsträger in den Kommunen. Hier gibt es den besten Überblick über Bedürfnisse und Bildungsstrukturen. Ich halte allerdings die unterschiedlichen Schulsysteme in 16 Bundesländern für falsch. Wir brauchen einheitliche Bildungsstandards für die ganze Republik.
Ist es denn sinnvoll , die Kinder bis zur sechsten Klasse zusammen lernen zu lassen?
THIELEN: In mehreren Studien ist nachgewiesen worden, dass es den höher Begabten nicht schadet. Andererseits aber schwächeren Schülern hilft. Insofern ist der Ansatz richtig, vor allem, wenn er mit Ganztagsschulen einhergeht. Generell gilt, wenn wir unsere Bildung nicht richtig managen, wird Deutschland keine Zukunft haben. Ich sage deshalb: Bildung, Bildung, Bildung!
Inwiefern ist in diesem Zusammenhang das Thema Integration entscheidend?
THIELEN: Sehr! Wir haben heute in manchen Stadtvierteln 40 Prozent und mehr Kinder mit ausländischen Wurzeln. Sie sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft.
Wie kann man das angehen?
THIELEN: Andere Länder machen die Erfahrung, dass es nur mit individueller Förderung geht. Und zwar in der Schule und in der Familie. Das muss auch bei uns gelingen. Entscheidend ist: Kinder müssen die deutsche Sprache lernen, bevor sie in die Schule kommen. Und dafür müssen wir die Familien gewinnen. Auch die Eltern brauchen unsere Unterstützung, um mit ihren Kindern zu Hause Deutsch sprechen zu können.
Geht es dabei um Leitkultur?
THIELEN: Der Begriff Leitkultur ist in Misskredit geraten. Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration ist das Beherrschen der Sprache und ein Grundverständnis kultureller Werte. Kenntnisse über Johann Wolfgang von Goethe sollten keine Pflicht sein - schaden aber auch nicht.
Aber die Deutschen sind doch selbst oft skeptisch den Einwanderern gegenüber.
THIELEN: Wir Deutschen müssen erkennen, dass wir Einwanderer brauchen - auch angesichts sinkender Geburtenraten. Einwanderung bedeutet Vielfalt, Chancen und Kreativität. So weit sind wir in Deutschland leider im Alltag noch nicht. Wie erfolgreiche Integration funktioniert - und uns alle begeistert - hat unsere Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft gezeigt. Deutschland ist ein Einwanderungsland, das ist eine positive Tatsache.
Warum das?
THIELEN: Aus demografischen Gründen. Deutschland ist eine alternde Gesellschaft, die Einwanderung und Integration dringend benötigt. Wir müssen also qualifizierte Einwanderer gewinnen, aber auch unsere eigenen Fachkräfte, wie zum Beispiel Ärzte oder Forscher, im Land halten.
Was tun, mehr Geld?
THIELEN: Eine wettbewerbsfähige Entlohnung ist sicher wichtig. Vor allem müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören zum Beispiel gute Arbeitsbedingungen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Dabei steht Deutschland doch gar nicht so schlecht da?
THIELEN: Stimmt. Deutschland hat die Finanz- und Wirtschaftskrise im internationalen Vergleich sehr gut überstanden. Zusammen mit Wirtschaft und Sozialpartnern hat die Regierung in den vergangenen Jahren durch Konjunkturprogramme, Kurzarbeit und Rettungspakete die Krise gemeistert. Ich bin sicher, erneute Rückschläge wird es geben, weitere Spekulationsblasen werden platzen, aber insgesamt wird es aufwärts gehen.
Muss nicht gerade für das untere Ende der Gesellschaft etwas getan werden. Also weg vom Neoliberalismus?
THIELEN: In Wirtschaft und Gesellschaft müssen wir die Soziale Marktwirtschaft weiterentwickeln. Hier Ideen einzubringen ist ein zentrales Anliegen der Bertelsmann Stiftung seit der Gründung durch Reinhard Mohn. Aber die Soziale Marktwirtschaft steht vor neuen Herausforderungen: Chancengerechtigkeit, Teilhabe und Integration werden in den Mittelpunkt rücken. Deutschland braucht einen durchlässigeren Arbeitsmarkt. Ich bin für die Einführung eines moderaten, flächendeckenden Mindestlohns. Wir müssen die Spaltung unserer Gesellschaft stoppen und Menschen wieder reale Aufstiegschancen eröffnen. Dann hat Deutschland auch in Zukunft große Chancen, ganz vorn mitzuspielen.















