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Halle, 29.07.2011

Arbeitgeber helfen Jugendlichen beim Job-Einstieg

Soziales Engagement in der Region Halle/Saale

Nadine Kissing bei ihrem Praktikum im Pflegeheim
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Nadine Kissing bei ihrem Praktikum im Pflegeheim
Fotos: Dominik Gigler

Die Stadt Halle/Saale ist Mitglied der Initiative "Unternehmen für die Region" der Bertelsmann Stiftung. Hier arbeiten Unternehmen, Industrie- und Handelskammer sowie die Agentur für Arbeit zusammen, um Jugendliche fit für die Zukunft zu machen. Ziel ist es, regionales Engagement von Unternehmen zu unterstützen und neue Kooperationen zwischen Unternehmen, Politik und Gesellschaft zu fördern.

Das Bett in dem kleinen Zimmer ist ordentlich gemacht. Auf der sonnengelben Überdecke sitzt ein riesiger Plüschbär. Doch Brigitte Kanzlers größter Schatz sind ihre Familienfotos: "Schau mal, das ist mein Enkel", sagt die 83-Jährige und zeigt auf einen der unzähligen Bilderrahmen, die sich auf der Fensterbank, der braunen Holzkommode und einem Wandregal drängeln. Noch bevor Nadine Kissig (23) einen Blick auf den Schnappschuss werfen kann, huscht Frau Kanzler schon rüber zum Nachttisch: "Lust auf eine Praline?", fragt sie und streckt ihrem Gast eine geöffnete Schachtel entgegen. Die Seniorin freut sich über den Besuch. Auch, wenn sie sich nicht mehr daran erinnern kann, dass Nadine vor genau einem Jahr schon einmal hier war.

Die junge Industriekauffrau hatte damals im Rahmen ihrer Ausbildung ein Praktikum im Altenpflegeheim Cyriaci et Antonii gemacht. "MitWirkung" ist ein EU-gefördertes Projekt, für das sich die "Verantwortungspartner für die Region Halle" einsetzen. Zu dem Netzwerk gehören rund 60 mittelständische Firmen, die unter anderem von der Bundesagentur für Arbeit, der Freiwilligen-Agentur Halle sowie der Industrie- und Handelskammer unterstützt werden. Sie gehören zum deutschlandweiten Netzwerk "Unternehmen für die Region" und schlossen sich 2009 zusammen, um die größten Probleme in der Stadt an der Saale anzugehen. Dazu zählen besonders die bei 13 Prozent liegende Arbeitslosenquote und die daraus resultierende Abwanderung. 2010 gab es erstmals mehr Stellen für Azubis als Bewerber. Kein Wunder: Die Zahl der Schulabgänger hat sich in den letzten fünf Jahren halbiert. Nur noch 7.000 Schüler schafften zuletzt ihren Abschluss.

"Wir müssen dringend etwas tun", weiß Angela Papenburg, Sprecherin der halleschen Initiative. Die 42-Jährige gehört zur Geschäftsleitung eines der größten Betriebe vor Ort: der GP Papenburg Baugesellschaft mit 1.060 Mitarbeitern. Während ihr Bruder sich um das operative Geschäft kümmert, ist die dreifache Mutter für "Corporate Social Responsibility" zuständig; zu Deutsch: die Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung. Und die kann eben nur gelingen, wenn auch Nachwuchs da ist. Ihr Ziel: Schüler motivieren, Auszubildende fördern und sie für die Region begeistern. "Wir wollen jungen Menschen ein neues Heimatgefühl vermitteln."

Neun Projekte sollen dafür sorgen: zum Beispiel das "Produktive Lernen", bei dem leistungsschwachen Schülern innerhalb von zwei Jahren doch noch der Hauptschulabschluss ermöglicht wird. Zwei Tage pro Woche erhalten sie Unterricht in Kleingruppen, drei Tage arbeiten sie in einer Firma ihrer Wahl; zusätzlich steht ihnen ein Lehrer zur Seite, der bei Problemen auch mal zu Hause vorbeischaut. "Es geht um Toleranz", erklärt Angela Papenburg. "Wir als Arbeitgeber müssen lernen, mit einer Vielfalt von Menschen umzugehen. Und die Jugendlichen müssen lernen, dass es im Leben nicht immer geradeaus geht. Sie sollen erkennen, dass man Probleme lösen kann."

Früher war der Chef ein Patriarch, der sagte, wo es langgeht. Inzwischen werde mehr von ihm erwartet. "Soft Skills sind gefragt", so Papenburg. "Ich muss mich heutzutage mit der Psyche der jungen Mitarbeiter auseinandersetzen und kann nicht sagen: 'Wenn der nicht funktioniert, dann ist er raus!' Das können wir uns nicht mehr erlauben. Es ist vielmehr wie in einer Familie: Wir sind dafür verantwortlich, dass die Azubis ihren Weg gehen. Schließlich sollen sie ja irgendwann Positionen besetzen, die für das Unternehmen wichtig sind."

Papenburg will ihre Zöglinge fit machen für die Arbeitswelt der Zukunft: "In einem unserer Betriebe werden in fünf Jahren 70 Prozent der Mitarbeiter zwischen 55 und 60 Jahren alt sein. Der demographische Wandel schlägt zu. Auch damit müssen die Jungen umgehen können."

Um den Graben zwischen den Generationen zu verkleinern, wurde "MitWirkung" initiiert. Zum zweiten Mal packen Auszubildende dieses Jahr eine Woche lang im Seniorenheim mit an. Viele von ihnen haben im Alltag kaum Berührungspunkte mit alten Menschen. Sie fürchten Wutausbrüche, Gebrechlichkeit und vor allem den Tod. 

Nadine Kissig und Lisa Ebert (beide 20), die im letzten Jahr dabei waren, ging es genauso. Nachdem sie alte Bekannte wie Frau Kanzler begrüßt haben, erzählen sie beim Vorbereitungs-Workshop für das Praktikum von ihren Erlebnissen: "Als ich das erste Mal die Station betrat, hätte ich das Ganze am liebsten abgebrochen", beichtet Lisa den neun Azubis, die mit ihr an einem Tisch sitzen. "Die Krankheiten und das viele Leid gingen mir einfach zu nahe." Doch nach ein bisschen Überzeugungsarbeit durch die Ergotherapeutinnen hielt sie durch. Heute ist sie froh darüber: "Das Leben ist eben so. Ich kann jetzt damit umgehen."

Nadine und Lisa klebten mit den Senioren Fotos vom letzten Sommerfest ein, bastelten Küken aus Wolle und sogar ein hölzernes Dominospiel. Sie machten Ball-Gymnastik zu den Hits von Roger Whittaker oder hörten einfach nur zu. "Am Ende war es so, als würden wir und die Bewohner uns schon ewig kennen. Ein tolles Gefühl", erklärt Nadine. "Ich wäre sogar gern noch länger da geblieben", betont Lisa. "Echt?", fragt das neben ihr sitzende Mädchen mit zweifelndem Blick. "Ja", sagt Lisa resolut und legt ihr ermutigend die linke Hand auf die Schulter. "Du brauchst keine Angst zu haben. Ihr schafft das schon." Ganz sicher sogar.

Von Anna Butterbrod aus: change - Das Magazin der Bertelsmann Stiftung 1/2011; S. 60.


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