Inklusive Schulen bereichern unser Bildungssystem
Interview mit Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, zur Verleihung des Jakob Muth-Preises
Anlässlich der Verleihung des Jakob Muth-Preises erläutert Vorstandmitglied Dr. Jörg Dräger die Vorteile des gemeinsamen Lernens von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen. Nach seiner Auffassung ist individuelle Förderung im Bildungssystem zwar in aller Munde aber noch zu selten gelebte Praxis. Daher macht sich die Bertelsmann Stiftung mit ihren Bildungsprogrammen dafür stark, dass gute Beispiele für Integration und Inklusion Schule machen, unser Bildungssystem nachhaltig fördernd ausgerichtet wird und Lehrkräfte dabei unterstützt werden, individuell zu fördern.
1. Warum verleiht die Bertelsmann Stiftung in diesem Jahr den Jakob Muth-Preis für inklusive Schulen?
Wir setzen uns als Stiftung für ein besseres und gerechteres Bildungssystem in Deutschland ein. Kinder aus sozial schwachen Familien, aus Einwandererfamilien und mit Behinderung sind in unserem Schulsystem benachteiligt. Integration und Inklusion kommen in unseren Schulen zu kurz. Die Stiftung hat sich dieser Themen angenommen, weil wir unsere Arbeit am Leitbild der Teilhabe ausrichten und uns dafür engagieren, dass jedes Kind - unabhängig von seiner Herkunft oder seiner Behinderung - sein Potenzial in der Gesellschaft entfalten kann.
Unser Bildungssystem geht noch zu wenig auf die Vielfalt der Kinder und Jugendlichen ein: Individuelle Förderung ist zwar in aller Munde aber noch zu selten gelebte Praxis. Wir brauchen positive Beispiele, wie Schulen besser mit Heterogenität umgehen können. Deshalb haben wir vergangenes Jahr den Carl Bertelsmann-Preis mit dem Fokus auf die Integration von Kindern aus Zuwandererfamilien verliehen und verleihen dieses Jahr gemeinsam mit der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und der deutschen UNESCO den Jakob Muth-Preis mit dem Fokus auf die Inklusion von Kindern mit besonderem Förderbedarf. Wir machen uns in unseren Bildungsprogrammen dafür stark, dass gute Beispiele für Integration und Inklusion Schule machen, unser Bildungssystem nachhaltig fördernd ausgerichtet wird und Lehrkräfte dabei unterstützt werden, individuell zu fördern.
2. Deutschland hat die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen unterschrieben, die im März dieses Jahres in Kraft getreten ist. Wird das unser Schulsystem verändern?
In der Konvention verpflichtet sich Deutschland zu einem "integrativen" Bildungssystem. Zumindest müssen wir erkennen, dass andere Länder heute schon viel weiter sind als wir. In Italien, Spanien und in den skandinavischen Ländern werden fast alle Schüler mit Förderbedarf in allgemeinen Schulen unterrichtet. In Deutschland sind es nur knapp 15 Prozent - und die Zahl der Förderschülerinnen und Förderschüler ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Darunter finden sich überproportional viele Kinder aus Zuwandererfamilien.
Wir sind aber zuversichtlich, dass die Bundesländer ihre Anstrengungen für mehr Integration und Inklusion in den Schulen verstärken werden. Der Blick ins Ausland zeigt, dass es anders geht. Und der Jakob Muth-Preis zeigt, dass es auch in Deutschland besser geht.
3. Drei Schulen erhalten am 31. August den Jakob Muth-Preis. Was zeichnet diese Schulen so besonders aus?
Wir waren überrascht, wie viele Schulen sich beworben haben. Es ist ein erfreuliches Zeichen, dass in Deutschland mehr Schulen als angenommen auf gutem Weg sind. Die Auswahl der Preisträger unter den 144 Bewerbern fiel nicht leicht. Alle Schulen haben mit ihren Ansätzen überzeugt und erhalten eine Anerkennung der Projektträger. Die drei Preisträgerschulen haben unsere Jury besonders beeindruckt, weil sie exemplarisch für inklusive Schulen stehen. Sie sind offen für alle Kinder und stolz auf ihre heterogene Schülerschaft. Sie eröffnen allen Kindern faire Chancen auf Bildung und schaffen es dabei gleichzeitig, hervorragende Leistungen bei all ihren Schülerinnen und Schülern zu fördern.
4. Welche Vorteile haben inklusive Schulen?
Inklusive Schulen haben ganz besondere Stärken, die sich positiv auf unsere Gesellschaft auswirken. Zum einen eröffnen inklusive Schulen Kindern mit speziellem Förderbedarf mehr soziale Kontakte und bessere Teilhabemöglichkeiten. In Förderschulen dagegen besteht die Gefahr, dass diese unter sich bleiben. Das bedeutet für diese Kinder nicht nur schlechtere Bildungschancen, sondern in der Folge auch entsprechend schlechtere Chancen beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Denn an Förderschulen haben die Schülerinnen und Schüler nur eingeschränkte Chancen auf einen qualifizierenden Abschluss. Mehr als drei Viertel von ihnen erreichen keinen Hauptschulabschluss.
Gleichzeitig wirkt sich der gemeinsame Unterricht an inklusiven Schulen auch für Kinder ohne Förderbedarf positiv aus. Denn von der individuellen Förderung profitieren alle Kinder. Nationale und internationale Studien weisen nach, dass die Leistungen der Kinder ohne speziellen Förderbedarf in Integrationsklassen mindestens genauso gut sind wie in Regelschul-Klassen. Was sich an den inklusiven Schulen aber eindeutig verbessert, ist das Bild, das Kinder hier von ihrer eigenen Leistung entwickeln. Der gemeinsame Unterricht fördert also gleichzeitig die individuelle Leistung, das Selbstwertgefühl und die soziale Kompetenz.
Eine von uns in Auftrag gegebene Studie, die demnächst veröffentlicht wird, belegt die Vorteile der inklusiven Schulen: Die zusätzlichen Mittel, die für das gesonderte System der Förderschulen verwendet werden, könnten in inklusiven Schulen viel effizienter und für die gesamte Schülerschaft genutzt werden.
5. Wie sehen Sie die Chance, die Zahl der inklusiven Schulen in Deutschland zu erhöhen?
Das Bewusstsein dafür, dass inklusive Schulen unser Bildungssystem bereichern, ist längst da. Das zeigt sich beispielsweise durch die verbindlich gewordene UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen für Deutschland und die dazu gehörige Kampagne der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Einige Bundesländer haben längst die Chancen inklusiver Bildung erkannt und setzen diese konsequent um. In Bremen und Schleswig-Holstein beispielsweise werden heute schon etwa 45 Prozent der Schüler, die speziellen Förderbedarf aufweisen, in allgemeinen Schulen unterrichtet. Diese Inklusionsquote streut aber stark zwischen den Bundesländern. Sie reicht von knapp fünf Prozent bis zu 45 Prozent und liegt im Durchschnitt bei rund 15 Prozent. Allerdings muss man berücksichtigen, dass der Förderbedarf unterschiedlich erhoben wird. Für uns als Stiftung ist es wichtig, dass zwei wesentliche Merkmale der inklusiven Schulen anerkannt werden: Zum Einen, dass diese Schulen leistungsfördernd für alle Kinder sind - Leistung und Gerechtigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus. Zum Anderen, dass inklusive Schulen den gewandelten gesellschaftlichen Herausforderungen besonders gerecht werden. Wir leben in einer Gesellschaft, die immer heterogener wird, und Kinder und Jugendliche lernen in inklusiven Schulen, dass diese Vielfalt kein "Störfall", sondern der "Normalfall" ist. Ich bin zuversichtlich, dass in zehn Jahren die Mehrheit der Schulen in Deutschland inklusiv arbeiten wird.
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