"Projekte der Stiftung sollen den Menschen nutzen und nicht Profitinteressen"
Interview mit Dr. Gunter Thielen zum Buch "Bertelsmann Republik Deutschland - Eine Stiftung macht Politik"
Am Anfang der Woche ist das Buch "Bertelsmann Republik Deutschland - Eine Stiftung macht Politik" von Thomas Schuler erschienen. In dem folgenden Interview setzt sich der Vorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Dr. Gunter Thielen, mit der Publikation auseinander und erläutert, warum er Schulers Vorwürfe und Unterstellung zurückweist. Die Beispiele und Belege in dem Buch sind aus Thielens Sicht in weiten Teilen überholt und nicht mehr mit der momentanen Arbeit der Stiftung zu vergleichen. Stattdessen würde er sich lieber eine Auseinandersetzung wünschen, die an den aktuellen Positionen und Projekten der Stiftung ansetzt.
Haben Sie das neue Buch von Thomas Schuler über die Bertelsmann Stiftung schon gelesen? Und wie ist Ihre Haltung dazu?
In meinem Urlaub habe ich es gerade gelesen. Durch die vielfältigen Kontaktaufnahmen und Fragenlisten von Herrn Schuler wussten wir seit über einem Jahr, dass er an diesem Buch arbeitet. Mein erster Eindruck ist, dass es sich bei der Veröffentlichung mehr um eine historische Betrachtung des Wirkens von Reinhard Mohn und der Arbeit der Stiftung handelt. Fast das gesamte Buch bezieht sich auf Projekte, Initiativen und Ereignisse, die Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen. Ich glaube, viele Darstellungen werden der heutigen Arbeit und Ausrichtung der Stiftung deshalb nicht mehr gerecht. Aus meiner Sicht ist das schade - ich hätte mir eine Auseinandersetzung mit der Stiftung gewünscht, die an den aktuellen Positionen und Projekten ansetzt.
Gibt es die "Bertelsmann Republik Deutschland" wie es der Titel des Buches suggeriert?
In unserer heutigen Zeit ist es doch eine Illusion, dass eine Stiftung oder ein Unternehmen ein Land wie die Bundesrepublik nach ihren Vorstellungen formen und prägen kann. Jeder von uns kann ständig auf eine Vielzahl von Informationsquellen und Positionen frei und direkt zugreifen. Entscheidungen und Meinungsbildungsprozesse lassen sich deshalb bei uns auch von niemandem mehr gezielt steuern. Unsere Demokratie lebt von unterschiedlichen Haltungen und Interessen. Die Bertelsmann Stiftung bemüht sich sehr intensiv darum, dass sich mehr Menschen mit ihren Meinungen einmischen und beteiligen.
Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass Bertelsmann und Reinhard Mohn einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg geleistet haben. Aber nicht durch Beeinflussung, sondern durch das eigene Handeln. So ist ein publizistisch freier und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreicher Medienkonzern entstanden, der ein breites Informationsangebot zur Verfügung stellt und vielen Tausend Menschen einen sicheren Arbeitsplatz bietet. Und Reinhard Mohn ist für uns über seinen Tod hinaus ein zukunftsweisender Unternehmer, weil er Verantwortung verteilt und Mitarbeiter aktiv beteiligt hat.
Wie groß ist der politische Einfluss der Bertelsmann Stiftung?
Wir beteiligen uns aktiv an öffentlichen Debatten, wenn wir mit eigenen Untersuchungen, Konzepten und Ideen zur Klärung von Sachverhalten oder sogar zu Lösungen beitragen können. Unsere besonderen Schwerpunkte liegen aktuell in den Bereichen Bildung, Kultur, Integration, Patientenorientierung und Bürgerbeteiligung. Wir machen das offen und transparent und sehen uns dabei als Bestandteil eines pluralistischen Meinungsbildungsprozesses. Darauf haben wir in den letzten Jahren auch unsere Arbeit und Kommunikation ausgerichtet. Mit Bürgerforen oder im Web 2.0 wollen wir direkt mit Menschen ins Gespräch kommen und unsere Ideen erklären.
Politischer Einfluss ist aus meiner Sicht nur schwer messbar. Ich bin der Überzeugung, dass Einfluss für uns und unsere Arbeit aber auch gar nicht entscheidend ist. Unsere Zielsetzung ist es nicht, etwas durchzusetzen, sondern wir wollen auf Probleme hinweisen und mit unseren Vorschlägen andere überzeugen. Deshalb suchen wir die Öffentlichkeit und die Diskussion. Wir sind parteipolitisch völlig unabhängig. Als Stiftung haben wir die große Chance, uns langfristig und nachhaltig mit wichtigen Themenstellungen zu befassen.
Erfolgreiche Reformen und Veränderungen sind ohne eine breite Mehrheit in der Bevölkerung nicht mehr möglich. Nicht zuletzt die Bürgerentscheide in Bayern und Hamburg zeigen doch nachdrücklich, dass die Zeit von Entscheidungsprozessen von Oben nach Unten endgültig vorbei ist. Im Mittelpunkt des Reinhard Mohn Preises im kommenden Jahr steht deshalb auch die weltweite Suche nach Modellen, in denen Bürgerbeteiligung wirklich gelungen ist.
Nutzt die Bertelsmann Stiftung ihre Rolle und Bedeutung, um Vorteile für das Unternehmen und die Familie zu erlangen?
Zunächst einmal halte ich die Vorstellung für etwas blauäugig, dass jemand auf einer Konferenz der Bertelsmann Stiftung war und dann ein paar Tage später einen Auftrag an die Bertelsmann AG vergibt. Nach meiner Erfahrung bewegen sich Stiftung und AG in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und sind nicht im Austausch mit den gleichen Akteuren. Außerdem werden wirtschaftliche Entscheidungen in Unternehmen und Verwaltungen nach knallharten Kriterien vorbereitet und getroffen. Ob man jemanden kennt, spielt dabei schon lange keine Rolle mehr.
Aus jahrzehntelanger Bertelsmann-Erfahrung, sowohl bei der AG als auch bei der Stiftung weiß ich zudem, dass man die Arbeit des jeweils anderen eher mit distanziertem Interesse betrachtet. Vorteile von den Aktivitäten der Stiftung oder des Unternehmens erwartet man nicht. Das ist auch richtig, denn eine direkte gegenseitige Einflussnahme ist ausgeschlossen und auch nicht gewollt. In der Stiftung bewegen uns gesellschaftliche Fragestellungen und keine Managemententscheidungen. Die Projekte der Stiftung sollen den Menschen nutzen, nicht den Profitinteressen von Unternehmen.
Und ich freue mich sehr darüber, dass gleich drei Mitglieder der Familie Mohn mit Liz Mohn an der Spitze dabei eine wichtige und tragende Rolle spielen. Dieses Engagement unterstreicht die Kontinuität, aber auch, dass die Ideen und Vorhaben der Stiftung wirklich von der Familie getragen werden.
Wie stellen Sie sich zu dem Vorwurf, dass durch die Nähe von Unternehmen und Stiftung die Gemeinnützigkeit in Frage gestellt sei?
Sowohl bei der Bertelsmann Stiftung als auch bei der Bertelsmann AG achtet man sehr genau darauf, dass es nicht zu Überschneidungen von Handlungs- und Geschäftsfeldern kommt. Hier ist sicherlich in den letzten Jahren die Sensibilität noch einmal deutlich gestiegen. Die von Herrn Schuler unterstellte Verquickung von Stiftungs- und Unternehmensinteressen kann ich deshalb nicht erkennen.
Mit unseren Strukturen, unserer Satzung und unserer Arbeit bewegen wir uns eindeutig in dem vom Stiftungsrecht gesetzten Rahmen. Stiftungen unterliegen in Deutschland klaren Rahmenbedingungen und werden regelmäßig von der Stiftungsaufsicht und dem Finanzamt kontrolliert. Satzungsänderungen bedürfen der behördlichen Genehmigung. Wir unterstützen als Bertelsmann Stiftung ausdrücklich alle Maßnahmen, die mehr Transparenz und Effizienz im dritten Sektor ermöglichen.
Die Bertelsmann Stiftung ist seit über dreißig Jahren als gemeinnützige und operativ arbeitende Stiftung aktiv. In der gesamten Zeit ist bei all den Überprüfungen nie unsere Gemeinnützigkeit in Frage gestellt worden.
Herr Schuler beklagt, dass die Transparenz und Offenheit bei der Stiftung an Grenzen stoßen?
Herr Schuler hat von Anfang erklärt, ein Buch zu schreiben, mit dem er die Bertelsmann Stiftung entlarven und ihre Legitimität in Frage stellen will. Für die Recherchen zu seiner Publikation hat er ein Stipendium der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall erhalten. Und sein Verlag hat schon vor Monaten die reißerische Ankündigung des Buches veröffentlicht. Damit war deutlich, dass Autor und Publikation eine eindeutige politische Zielsetzung hatten. Eine ergebnisoffene Veröffentlichung, die unterschiedliche Gesichtspunkt aufnimmt, war von ihm nie geplant.
Obwohl wir das wussten, haben wir Herrn Schuler sehr umfangreiches Material zur Verfügung gestellt und E-Mails mit wirklich sehr zahlreichen Fragen beantwortet. Darüber hinaus hat er intensive Gespräche mit Mitarbeitern und Partnern der Stiftung geführt. Trotz der bereits feststehenden Ausrichtung des Buches wollte Herr Schuler dann auch noch Gespräche mit allen Vorstandsmitgliedern führen und hat eine weitere umfangreiche Fragenliste geschickt, in der er zum Beispiel konkrete Gehälter von einzelnen Mitarbeitern erfahren wollte. An dieser Stelle hat der Vorstand beschlossen, dass hier unsere Offenheit und Kooperationsbereitschaft endet.















